15. Frischer Wind (Pirate Booty)

a/n: Nach einer Weile geht es auch mit dieser Story wieder weiter. Hab ja noch einiges in Reserve. Und danke für eure vielen Kommentare zur letzten Truckstop-Story!

Lucy schaute sich überrascht zwischen den Männern um. Sie hätte nun wirklich nicht ahnen können, dass die Mannschaft der Hangman’s Daughter so umfangreich war. Immerhin hatte sie bei den letzten Versammungen immer nur vereinzelt Gruppen der Männer- und Blake- gesehen. Sie war froh, dass sie mit Abstand zu der Meute stand, ansonsten hätte man wohl tatsächlich etwas nervös werden können. Armer Ted! Bei so vielen Kerlen verlor man nicht nur den Überblick, sondern es war auch nicht weiter verwunderlich, dass ihn die Aufgabe maßlos überforderte. 

Sie stand direkt unterhalb des Podestes, das eigentlich nur aus zwei zusammengeschobenen Holzkisten improvisiert worden war. Wirklich unglaublich, wie schäbig die Crew hier hauste. Und das, obwohl es überhaupt nicht nötig war. Lucy hätte ja sogar ein, zwei Schmuckstücke von dem Schatz für die Instandsetzung dieses eigentlich so hübschen Schiffes gespendet. Unglaublich, dass Ted sich da so stur stellte. Und fast schon bewundernswert, wie eisern er sein konnte. Aber eines fragte sie sich doch, wenn er nicht gierig war, wie war er überhaupt auf die Idee gekommen, Pirat zu werden? Sie musste gelegentlich dringend mehr darüber erfahren. 

Auf dem provisorischen Podest standen nun jedenfalls Ted und Samuel. Letzterer hatte bereits verkündet, dass nun die Wahl des Steuermannes stattfinden sollte und erklärt, dass der Rumverwalter Quentin und jemand, den Ted ausgesucht hatte, namens Kilian zur Auswahl standen. Ein Raunen war durch die Menge gegangen, anscheinend wurde der Kandidat des Kapitäns recht kontrovers diskutiert. Sie sah dabei zu, wie ein junger Mann mit rotblondem, etwas längerem Haar nach vorne geschoben wurde. 

“Na los, sag’s ihm, Junge!”, knurrte einer der Männer.

“Äh… ich denke ich will das wohl nicht”, sagte der Typ, der anscheinend Kilian war und sah sich dabei nervös in alle Richtungen um. Wirkte ganz, als hätte die Bande schon die Messer gezückt.

“Wir brauchen auch noch Schiffsjungen!”, wurde eine Stimme laut.

“Genau, die Arbeit muss genau so erledigt werden!”, sagte wieder ein anderer. 

“Leute! Was soll das! So geht das aber nicht!”, rief Ted in die Menge hinein. “Wir stimmen doch sowieso gleich ab, dann könnt ihr immer noch dagegen sein.” 

Mal wieder brachte er nicht gerade überzeugende Argumente für seinen verlorenen Posten. Es fiel Lucy schwer, tatenlos daneben zu stehen. Sie hätte zwar angestochen sein können, dass er seine Pläne nicht mit ihr teilte, fairerweise war dazu vorhin aber auch nicht viel Zeit gewesen. Also formte sie die Hände zu einem Trichter und rief: “Kapitän Edward, warum haben Sie diesen jungen Mann ausgesucht?”

“Blake?”, rief einer aus der Bande verwirrt. “Was redet der denn da…” 

Lucy hob eine Braue. Sie hatte Ted doch gesagt… nein, es gab gerade wohl Wichtigeres. 

Ted schaute sie an und wirkte ein wenig verwirrt. Ach, manchmal war er echt etwas langsam. 

“Kilian hat doch ganz bestimmt Qualitäten, die Ihr an ihm schätzt.” 

“Oh. Ach so, ja klar. Kilian ist ein verdammt erfahrener Segler. Er hat, bevor er hier an Bord kam, seine eigene kleine Flotte besessen.”

“Nen Fischkutter oder was?”, rief O’Malley’s kratzige Stimme höhnend dazwischen. Die Männer lachten. Ted lachte halbherzig mit.

“Ja, sehr lustig. Also, ihr könnt ihn jedenfalls wählen. Oder eben Quentin. Beides ist ne gute Wahl.” 

“Warum hast du ihn dann überhaupt aufgestellt?!”, fragte eine Stimme aus der Menge. 

“Genau. Warum eigentlich nicht O’Malley?!”, brüllte ein Typ direkt neben Besagtem. Was der dafür wohl hatte springen lassen? 

“Und warum eigentlich nicht mich?”, rief ein zweiter. “Ich hatte immerhin fünf Jahre unter dem Kommando von dem hässlichen Hugo das Steuer in der Hand!”

Lucy schaute den Kerl an. Gegen den wirkte Anderthalb- Augen- Joe wie ein agiler Jungspund. 

“Ich muss nun wirklich um Ruhe bitten!”, rief Davenport aus. “Wir können alle Anfragen aufnehmen, wenn sie geregelt und mit mindestens einem anständigen Argument hervorgebracht werden. Also bitte, Mr…” 

“Benjamin!”, antwortete der Tattergreis.

“Ah… passend”, gab Davenport trocken zur Antwort. Lucy war glatt erstaunt, zum ersten Mal den Ansatz eines Witzes von ihm zu hören. 

“Die andere Wortmeldung war O’Malley. Er bleibt allerdings auf Befehl des Kapitäns hin zweiter Steuermann. Gibt es dagegen mehrstimmige Einwände?” Davenport sah in die Runde, wo nur der Typ, der die Wortmeldung gemacht hatte und O’Malley selbst die Hand hoben. “Wohl nicht. Ich gebe damit zu Protokoll, dass dieser Befehl weiterhin Bestand hat.”

Nun war er wieder todernst, dieser Samuel Davenport, dachte Lucy. Vielleicht würde es ihm gar nicht mal schaden, wenn ihm jemand etwas Rum in den Zuckerrohrsaft mischte… Die Abstimmung war jedenfalls trocken und ging durch seine Paragraphenreiterei schlussendlich viel zu lange. Obwohl die meisten prompt für Quentin gestimmt haben, machte er Gegenproben und fragte Ted dreimal, ob es auch für ihn in Ordnung wäre- dabei hatte der doch von Anfang an gesagt, dass er fein damit war. Als es schließlich also endlich offiziell war, schien die halbe Crew quasi schon zu schlafen. Nur hier und da schreckte man noch auf, als Ted wieder das Wort ergriff. 

“Somit brauchen wir einen neuen Rumverwalter. Diesen Posten werde ich Kilian übergeben.”

Der junge Mann im Vordergrund wirkte gleichermaßen überrascht wie erfreut. 

“Na prima und wer hilft mir jetzt in der Küche?”, hörte sie den Koch Roger unzufrieden ausrufen.

“Das Weib natürlich! Was für ne Frage!”, antwortete Blake prompt. Wieder brach ein Stimmengewirr aus und man schien sich nicht ganz einig zu sein, ob man Lucy dafür von ihrem eigentlichen Posten abziehen wollte. 

“Ruhe!”, rief Ted viel zu leise. Samuel wiederholte es daher und kurz sah man bis auf ein paar kleine Nebengespräche von weiteren Diskussionen ab. 

“Sobald wir an Land sind, heuern wir neue Schiffsjungen und einen Küchenjungen an. Bis dahin muss Kilian leider beide Posten zur gleichen Zeit bekleiden. Einverstanden?”, wandte er sich nun direkt an diesen. Ehrlich gesagt hatte er auch nicht wirklich ne Ahnung, was ein Rumverwalter jetzt groß zu tun hatte. Es sollte also eigentlich durchaus möglich sein.

“Es ist mir eine Ehre, mein Kapitän!”, rief dieser prompt aus und verbeugte sich ungelenk. 

Hier und da meckerte man zwar, doch auf Davenports Frage hin hatte niemand wirkliche Einwände und die Abstimmung wurde somit offiziell beendet. 

“Puh, ich brauch nen Drink”; hörte Lucy diesen Kilian direkt vor sich sagen. Neben ihm stand inzwischen ein ebenfalls blutjunger Kerl mit tiefschwarzen Locken und braungebrannter Haut und nickte. 

“Bin froh, dass Teddy sein Versprechen gehalten hat. Denkst du, wir sollten ihn an der Bar mal abgreifen?”

“Weiß nicht”, erwiderte Kilian zögerlich. 

Lucy, die neugierig gelauscht hatte, machte einen Schritt auf beide zu und lächelte einladend. Fand sie zumindest. Vielleicht wirkte es auch ein wenig aufdringlich.

“Sorry, hab nicht lauschen wollen, aber hab trotzdem irgendwie gehört, was ihr da gesagt habt. Teddy, ist das irgendwie ein Spitzname für Kapitän Edward?” 

“Ist das nicht seine Eroberung?”, sagte der Schwarzhaarige ein wenig grinsend zu Kilian. “Ganz niedlich, aber mit dem losen Mundwerk eigentlich ne Nummer zu groß für ihn, oder?” 

“Marcello, sei nett”, mahnte dieser halblaut. “Hey… Lucy, richtig? Die Bardame.” 

“Oh ja, genau die bin ich. Und da sollte ich jetzt wohl auch hin, sonst plündern mir die Männer die Regale leer”, fiel ihr auf. “Kommt, wir unterhalten uns im Gehen.”

“Na sicher doch”, nickte Kilian. “Der Kapitän mag diesen Spitznamen nicht sonderlich, also vergiss ihn besser schnell. Auch wenn er echt zu seinen Knopfaugen passt.”

“Meine Rede!”, erwiderte Lucy prompt. “Ihr habt einen Spitznamen für ihn… ihr kennt euch wohl noch von seiner Zeit als Schiffsjunge?” 

“Das ließ sich gar nicht vermeiden”, erklärte der Kerl, der wohl Marcello hieß. “Haben uns ja alle zusammen in ein Zimmer quetschen müssen.”

“Hat er sich über euer Schnarchen auch beschwert, obwohl er’s wahrscheinlich selbst war? Nein, vergesst es, nicht so wichtig… und ihr habt euch wohl gut verstanden, dass er jetzt Kilian zum Aufstieg verhilft.”

“Das ist wirklich verdammt anständig von ihm”, fand dieser. “Ich hab nicht gedacht, dass er sich nochmal an uns – naja, mich erinnert, sobald er Kapitän ist.” 

“Ich wette, bei all den Knalltüten, mit denen er sich abgeben muss, vermisst er euch sogar ziemlich stark. Ihr solltet heute Abend einen miteinander trinken. Ich sorg dafür.” Lucy nickte entschlossen und zog das Tempo an. Sie hatte wirklich Sorge, dass da heute was ernsthaft zu Bruch gehen könnte. 

Sie betrat ihr zweites, neues Zuhause und eilte hinter den Tresen, sah sich sowohl dort, als auch im gesamten Raum um. Ein paar Kerle hatten sich wohl eine Flasche Schnaps unter den Nagel gerissen, aber sonst war hier alles ganz friedlich abgelaufen. Die meisten standen oder saßen schon um den Tresen herum und warteten, bis sie anfing, auszuschenken. 

“Also die Herren”, wandte sie sich an Marcello und Kilian. “Lasst mich euch mein Spezialgetränk zum Probieren geben.”

“Gerne doch”, lächelte Kilian. “Wir brauchen was zum Anstoßen. Immerhin feiern wir meinen neuen Posten, huh?”

Marcello nickte und schaute sich um. “Da hinten kommt Tedd… der Kapitän.”

Lucy winkte ihn prompt heran. “Heyhey, Ted! Hierher!”, rief sie, um die Unterhaltungen der diversen Gruppen zu übertönen. 

“Schrei doch nicht so!”, rief Ted zurück. “Ich komm ja schon!” Er eilte an den Tresen heran. 

“Hey! Kili, Marci! Schön, euch zu sehen!” 

Und da schämt Teddy sich ausgerechnet für seinen Spitznamen?, dachte Lucy im Stillen. Dennoch war es wirklich süß, wie die drei alten Freunde sich begrüßten. 

“Die beiden haben mir gerade gesagt, wie sie sich freuen, dass du sie nicht vergessen hast”, zwinkerte Lucy und bereitete dabei die Gläser vor. 

“Marcello, du bekommst auch noch einen Posten, der zu dir passt”, versprach Ted.

“Also zu mir als Säufer passt das mit dem Rumverwalter?”, lachte Kilian.

“Hey, du bist immerhin Schotte, du musst deinem Ruf gerecht werden, oder?”, erwiderte Ted. 

“Den Ruf haben Iren!”, beschwerte sich Kilian sogleich. “Behaupte am besten gleich noch, Marcello wäre Spanier.” 

“So weit will ich’s dann doch nicht treiben”, wehrte Ted ab. 

“Du siehst übrigens verdammt schick aus, Kapitän”, stellte Kilian fest. “Echt irre, was aus dir geworden ist.”

“Wir dachten ehrlich gesagt, du hältst das keinen Monat durch”, merkte Marcello an. 

“Aber du hast es geschafft!”, betonte Kilian und warf seinem Kumpel einen strafenden Blick zu. 

Ted winkte ab und nahm einen Schluck von seinem Drink. “Nichts für ungut. Ich hab mir selbst nicht mal ne Woche gegeben.” 

Lucy grinste. Sie hätte sich nicht erinnern können, Ted mal so entspannt erlebt zu haben wie gerade jetzt. Hatte sie es doch geahnt! Er brauchte nur mal ein bisschen Leben und die richtigen Leute zum Reden um sich. Ihre Gedanken führten weiter. Würde er sich etwas locker machen, vielleicht wäre sein Kopf frei dafür, genauer darüber nachzudenken, was sie beide mit ihrem entdeckten Schatz tun wollten. Ja, das und pure Nächstenliebe brachten sie dazu, sich weiter seiner annehmen zu wollen. 

Sie widmete sich auch den anderen, Gläser schwingenden Seemännern. Doch dabei achtete sie die ganze Zeit über darauf, mit einem Ohr bei Ted und seinen Freunden zu sein. 

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