Geschichtenwettbewerb Beitrag 5: Surprise, Surprise

 

Der ganze Bahnsteig voller Menschen, und keiner davon ihre Schwester. Nicht einmal irgendjemand mit schwarzen Haaren. Halt, dort drüben? Aber nein, das war ein Mann. Und da? Nein, das war bloß der dicke schwarze Mantel einer Lady, die sich die Stiefel band. 

Mirabella blinzelte. Die neue Brille war noch etwas ungewohnt. Aber es war ihr üblicher Warteplatz, genau vorm roten Briefkasten, und eigentlich hätte Sofía sie schon längst finden müssen. Sie legte die flache Hand über die Brauen, kniff die Augen zusammen und strengte sich an, all die Gesichter zu unterscheiden. 

„Hey, M.! Na, alles klar?“ 

Sie brauchte eine Sekunde, um den schlaksigen Typen mit dem Basecap und dem schiefen Grinsen einzuordnen. Und dann noch eine Sekunde, um zu reagieren. „Jake! Was machst du denn hier?“ 

„Na ja, deine Schwester ist etwas… verhindert. Da hat sie mich gefragt, ob ich ihr Superheld sein will und dir das Paket bringe. Und, tja, Jake hatte Zeit. Und Lust auf die große fremde Stadt.“ Er holte mit lässiger Gebärde eine Blechdose aus dem Rucksack. „Voilá! Bin ja mal gespannt, was da drin ist. Kekse von zuhaus?“ 

„Danke.“ Mirabella merkte, dass sie etwas durcheinander war.„Ähm – ja, basically Kekse. Selbstgebackenes. Was ich hier in der großen fremden Stadt eben nicht kriege. Und natürlich Lakritz.“ Sie ruckelte an der Brille. „Wie meinst du, Sofía ist verhindert? Was hat sie denn?“ 

„Hausarrest.“ Jake hob die Schultern. „Hat wohl irgendwie an ihrer Uni geschummelt. Oder mit Elena Ergebnisse manipuliert. Oder beim Manipulieren geschummelt… Ach, was weiß ich!“ Er rieb sich mit dem Handrücken die Nase. „Bei deiner Schwester hat man ja immer die Auswahl.“ 

„Und da schickt sie ausgerechnet dich?“ 

„Keine Ahnung. Deiner Mamá wollte sie nichts davon sagen.“ Er grinste. „Auch irgendwie verständlich, dass sie ihre Peinigerin nicht noch um einen Gefallen bittet, wenn die sie grad für zwei Wochen ins Zimmer verknastet. Okay, wo kann man denn hier was trinken? Die Bordküche im Zug war geschlossen, meine Kehle ist trocken wie ein Nonnenhöschen.“ 

Mirabella musste lachen. Bei jedem anderen hätte sie solche idiotischen Sprüche vermutlich peinlich oder sogar unangenehm gefunden, aber bei Jake waren die Großer-Bruder-Vibes einfach zu stark. Gut, großer Bruder mit idiotischen Sprüchen. Aber irgendwie war es auch beruhigend, dass er sich gar nicht verändert hatte in den vergangenen – zwei Jahren? Drei? Wie lange hatte sie ihn nicht gesehen? „Von wegen Bordküche, Jakey. Du warst doch bloß zu geizig, dir etwas zu kaufen“, tippte sie ins Blaue und stupste ihn mit dem Finger. „Und jetzt hoffst du, dass ich dir einen ausgebe, aus lauter Dankbarkeit für das Paket. Na, dann komm mal mit. Tante Mira ist heute großzügig.“ Wow, hatte sie jetzt tatsächlich geschafft, dass er verlegen wurde? Zumindest flammte eine leichte Röte auf seinen Wangen. Lächelnd ging sie voran und ließ ihn hinterherdackeln. Tja. Vermutlich steckte doch etwas mehr von Sofía in ihr, als Jake gedacht hatte. 

„Also, hier sitze ich immer mit meiner Schwester, wenn sie zu Besuch kommt“, erklärte Mirabella und fühlte sich ein bisschen als Fremdenführerin, als sie Jake in die Bar lotste, die schlecht beleuchtet, aber musikalisch gut durchspült war. Jake nickte. „Spitze. Alte-Männer-Jazz. Dann gibt’s hier bestimmt auch Whiskey. Teilen wir uns einen?“ – „Gott! Ganz schlechte Idee“, antwortete Mirabella etwas zu hastig. Bevor sie rot werden konnte, versteckte sie ihr Gesicht hinter der Getränkekarte. Aber Jake hatte ihre Verlegenheit bemerkt. „Gott, ganz schlechte Idee?“ spöttelte er. „Wieso? Schon mal drauf gekotzt? Oder erlaubt dir dein Onkel Jerry keinen Alkohol?“ 

„Er heißt nicht Jerry.“ Mirabella fuhr konzentriert die Zeilen mit dem Finger nach. „Und er ist auch nicht mein Onkel.“ 

„Dann eben Stiefonkel, du Erbsenzählerin.“ Jake schnippte gegen die Getränkenkarte. „Also, wie heißt Barrys Bruder, bei dem du wohnen darfst? Larry? Terry? Peter, Paul and Mary?“ 

„Woher kennt du die denn?“ fragte Mirabella ehrlich erstaunt und schob ihre Brille hoch. „Ich dachte, du stehst nicht auf Alte-Männer-Musik? Er heißt Harry. Und nur weil er Barrys jüngerer Bruder ist und mich bei sich wohnen lässt, macht ihn das nicht zu meinem Stiefonkel. Den Verwandtschaftsgrad gibt’s ja gar nicht, so ein Quatsch. Und ja, wenn du’s genau wissen willst: Er hat es nicht so gern, wenn eine 18jährige Whiskey trinkt. Bei einem Bier ab und zu sagt er nichts, aber harter Alkohol, da kann er ziemlich ungemütlich werden…“ Sie biss sich auf die Zunge. Mann, warum plapperte sie denn so ungebremst drauflos? Ob Jake merkte, dass sie das Thema nervös machte? Und ob er so rücksichtvoll war, aufzuhören? Blöde Frage, es war Jake. Sie sah sein Grinsen immer breiter werden, und er überlegte bestimmt, mit welchem Spruch er dieses Gespräch noch ein paar Ecken peinlicher machen konnte; aber da kam die Bedienung, gracías a dios. 

Einen Whiskey Sour und eine Virgin Colada später ging es um Mirabellas Studium, Jakes neuen Nebenjob („Der Computerladen hat echt keine Zukunft, M., das macht bald alles KI, aber ohne mich!“) und schließlich ihre Schwester. 

„Sie fehlt dir, oder?“, fragte Jake unvermittelt und stellte sein Whiskeyglas ab, von dem er noch keinen Tropfen getrunken hatte. Mirabella blinzelte. War das etwa Mitgefühl in seiner Stimme? 

„Na ja, schon ein bisschen“, gab sie zu. „Als wir noch alle zusammengewohnt haben, haben wir uns quasi rund um die Uhr gezofft, das stimmt. Aber jetzt… Ich hab hier halt niemanden, außerhalb der Uni.“ 

„Nur Onkel Ferry.“ 

„Nur Harry, ja. Der gibt mir… Struktur. Aber ich muss sagen, dass ich Sofía und Mamá und Chris und Louise schon manchmal vermisse.“ Sie versuchte sich vorzustellen, wie unglücklich sie wohl gerade aussah, und knetete ihre Serviette. „Und ich finde es wirklich lieb von meiner Schwester, dass sie mich so regelmäßig besucht, weil für mich das Zugticket schon recht teuer wäre, bei den Kosten meiner Ausbildung…“ 

„Ja, ja, sie ist eine wahre Wohltäterin“, grunzte Jake gelangweilt, den Kopf in die Hand gestützt. „Schon mal dran gedacht, dass sie vielleicht auch ganz gern rauskommt? Aber hey, jetzt sitze ich da! Und mit mir kannst du richtig einen draufmachen, weil ich noch ein paar Wochen älter bin als S. und darum an den richtig harten Alkohol rankomme. Ganz legal!“ Er hob sein Glas und nahm nun doch einen beherzten Schluck. 

„Ich meine, sie hätte mir ja wenigstens schreiben können“, ergänzte Mirabella, als Jakes Hustenanfall vorbei war, und klopfte weiter seinen Rücken. 

„Wahrscheinlich… chhhrr… Handyverbot… zum Hausarrest…“, keuchte er. 

„Ja, wahrscheinlich“, überlegte sie. „Und Mamá hat auch vergessen, mir Bescheid zu sagen. Wenn sie ihre Wut hat, setzt manchmal ihr Gehirn aus.“ Sie nahm ihre Hand von Jake und setzte sich wieder. „Obwohl ich eines nicht verstehe – Hausarrest? Normalerweise löst Barry sowas doch auf ganz andere Weise.“ 

„Der ist doch verreist.“ 

„Ach?“ 

„Ja.“ Langsam kam Jake wieder zu Atem. „Geschäftsreise oder so. Keine Ahnung.“ Er wischte sich die Augen und nahm einen Schluck von Mirabellas Virgin Colada. „Ich weiß nur eins: Er besucht nicht seinen Bruder. Sonst hätte er dir das Paket selber mitbringen können. Andererseits…“,  schwaches Grinsen, „hättest du dann jetzt beide Brüder an der Backe. Beziehungsweise an den Backen.“ 

„Mann! Jake! Uncool!“ Jetzt hatte er es echt geschafft, die allerpeinlichste Wendung zu finden, die möglich war! Und durch ihre aufgebrachte Reaktion bestätigte sie ihn natürlich noch. Fuck! Sie schnappte ihm seinen Whiskey weg, nahm einen kleinen Mundvoll und ließ ihn die Kehle hinunterrinnen. Gar nicht so übel. Bisschen wie Mezcal. Den durfte sie natürlich ebenfalls nicht trinken. Eigentlich. 

Als sie wieder aufsah, hatte Jake sichtlich Respekt bekommen. „Nicht schlecht, M.! Ganz schöner Zug! Was meinst du? Getränketausch?“ 

Die Sterne über ihnen blinkten, das Laub rauschte. Unter ihnen lag die Stadt, und sie streckten sich lang zwischen den Wurzeln und dem dichten Gras. Mirabella spürte, wie schwer ihre Zunge nach den drei Whiskeys war, aber das war ihr jetzt egal. Der Alkohol machte sie gesprächig, und dass sie Jake im Finsteren nicht sehen konnte, half ebenfalls beim Reden. Also erzählte sie und erzählte, während sie an einem der Kekse aus der Blechdose knabberte, und das Knabbern beruhigte sie noch zusätzlich: Wie sie angekommen war, vor einem Jahr; wie sie Barrys Bruder kennengelernt hatte, der bis auf den fehlenden Bart und die hohe Stirn fast genauso aussah wie Barry; wie froh Harry gewesen war, dass das alte Zimmer seiner Tochter, die jetzt in Kanada lebte, wieder bewohnt wurde. Die Miete, die er verlangte, war lachhaft niedrig, und weil er meist für beide kochte, war es wie im Hotel. „Stellte sich aber heraus, dass ihm Barry wohl ein falsches Bild von mir vermittelt hatte“, mümmelte Mirabella in ihren Keks. „Das brave, stille Mädchen, schüchtern, spießig… Kunststück: Gegen Sofía bin ich ja wirklich ein Waisenknabe.“

„Waisenknäbin“, juxte Jake und griff sich ebenfalls einen Keks. Mirabella nickte: „Genau. Jedenfalls… war er die erste Zeit sehr tolerant. Hat mir viel Freiraum gelassen, viel mehr als Mamá zuhaus oder Barry. Bis er irgendwann mit einem ‚ernsthaften Gespräch‘ anrückte. 

‚Hör mal, Mira’“, sie senkte ihre Stimme zu einem onkeligen Brummen, „’es ist ja okay, dass du das Leben genießen willst und dein Studium so locker nimmst, aber meinst du nicht, dass du hin und wieder etwas konzentrierter lernen solltest? Ob deine Mutter mit deiner letzten Prüfung zufrieden ist? Ob ich zufrieden bin?’“ Mirabella hob die Achseln. „Wahrscheinlich hatte er sogar recht. Ich habe die neue Umgebung, die Stadt, die Studipartys wirklich etwas zu sehr genossen. Hier, wo mich keiner kennt…“ 

„Traut man dir gar nicht zu!“ Jake schubste sie mit dem Ellbogen und schnappte sich einen zweiten Keks. „Tja“, sie lächelte. „Du unterschätzt mich eben immer noch. Jedenfalls… hab ich’s übertrieben. Seiner Ansicht nach. Hab Ende Oktober drei Tage hintereinander das Studium geschwänzt und mit einer Mitstudentin einen netten Roadtrip nach Mexiko hingelegt. “ Sie fixierte einen Stern. „Fand Harry gar nicht mal so gut, als er… nachkommen musste. Wer hätte gedacht, dass Benzin in Mexiko so teuer ist. Und dass meine Mitstudentin meinte, ich wäre diejenige mit Geld… Na ja. Jetzt hatte ich ihn jedenfalls an der Backe.“ An den Backen, dachte sie.

Jake ließ sich Zeit mit seiner Antwort. Erst einmal kaute er nur lange im Dunkeln vor sich hin, und Mirabella, die sich fragte, wie das Gespräch jetzt schon wieder auf diese Schiene gekommen war, fühlte eine merkwürdige Erregung, während sie wartete. Und leichten Schwindel. Wahrscheinlich vom Whiskey. Aber hauptsächlich Erregung.  

„Hat er dir den Arsch versohlt?“ fragte Jake schließlich, und es klang seltsam beiläufig, trotz seiner dünnen, hohlen Stimme. 

„Jupp“. Mirabella klatschte sich auf den Oberschenkel. „Aber königlich.“  

„Wie Barry deiner Schwester?“ 

Sie schloss die Augen, obwohl es finster war, und lehnte sich an den Baum. „Jupp“, sagte sie nochmals. „Zwei Brüder, eine Handschrift. Hat mich ohne viel Reden am Handgelenk genommen und übers Knie gelegt, gleich hinter der Tankstelle. Er war wohl echt… besorgt gewesen über unseren Ausflug.“ 

„Mann! Und du?“ 

„Hab ihn natürlich gefragt, ob er spinnt.“ 

„Und er?“ 

„Äh, na ja… hat einfach weitergemacht.“ 

Und dann die Jeans runtergefriemelt. Und den Slip gleich mit, dachte sie, bis in die Kniekehlen. Aber das erzählte sie mal lieber nicht. Und auch nichts von ihrem Zappeln, seinem Schimpfen, ihren Händen, die hilflos ins Leere gegriffen und sich schließlich an sein Hosenbein geklammert hatten. Von der Peinlichkeit, mit nacktem Hintern über seinem Schoß zu liegen, von dem Geruckel, als er sie versohlte, ihrem immer lauteren Gejammer. Von ihrer prickelnden Scham, vor den Augen ihrer Freundin so bestraft zu werden, ihrem rasenden Herzschlag, dem unaufhörlichen Klatschen hintenrum. Von der Rückfahrt auf ihrer brennenden Kehrseite, dem Schweigen. Bis sie sich dann endlich entschuldigt hatte. Und dem echt langen Gespräch, bei dem sie sich plötzlich so erwachsen und ernstgenommen gefühlt hatte, von San Diego bis zu seiner Haustür. 

„Geez! M.!“ Jake legte ihr die Hand auf den Arm. „Das klingt echt hart! Ich meine… deine Schwester ist ein anderes Kaliber, die ist sowas gewöhnt. Aber du…“ 

Mirabella atmete tief durch. „Ich sag doch: Du unterschätzt mich.“ Sie machte eine Kunstpause. „Und glaub bloß nicht, dass es bei dem einen Mal geblieben ist.“ 

„Echt? Du… hast es öfter gekriegt?“ 

„Schau mal, Jakey.“ Sie bewunderte sich grade sehr dafür, wie lässig sie klingen konnte. „Wenn man seinen Willen durchsetzen will, muss man eben manchmal Hürden in Kauf nehmen. Bei dieser Sache zwischen Onkel – zwischen Harry und mir geht’s einfach darum, wer länger durchhält. Legt er mich übers Knie, wenn ich mich ‚danebenbenehme`?“ Sie malte die Anführungszeichen in die Dunkelheit. „Ja, macht er. Tut das weh? Aber hallo. Kann ich das wegstecken? Na, und ob. Beim letzten Mal hat er sich nachher sowas von den Oberarm gerieben.“ Sie schmunzelte, drehte sich rüber und nahm sich einen weiteren Keks. 

„Es geht bloß darum, wer am Ende mehr aushalten kann: mein Hintern oder seine Hand. Abgesehen davon ist mein Leben bei ihm nämlich echt in Ordnung. Aber warum interessiert dich das eigentlich alles so sehr, Jakeyboy?“ Sie stieß ihn mit der Schuhspitze. „Stehst du etwa auf SM?“ 

„Quatsch“, sagte er, und sie hörte ihn grinsen. „Bloß auf S. und auf M. Krieg ich den letzten Keks? Kann echt gut backen, deine Mom!“ 

„Du musst mich nicht heimbringen, Gentleman!“ 

„Ich werd mir doch die Gelegenheit nicht entgehen lassen, Onkel Gary kennenzulernen!“ Jake schaffte es, beim Klingeln abzurutschen. „Scheiße, das ist aber eine… wacklige Türklingel!“ 

Mirabella lachte. „Jake, du betrunkener Idiot, ich habe doch einen Schlüssel!“ 

„Ach so! Ja, dann such ihn mal! Und ich bin nicht betrunken, ich habe bloß deinen Jungfrauen-Cocktail…“ Er verstummte, als die Tür aufging. Das war wirklich Barry. Ein Barry ohne Bart, schlanker, mit Brille. Bisschen lichteres Haar. Sah nicht unfreundlich aus. Darum wollte Jake schon einen Witz machen, drehte sich zu Mirabella – Hey, M., ich wusste gar nicht, dass dein Stiefvater beim Friseur gewesen ist! – , aber Mirabella wirkte plötzlich sehr… blass. 

„Guten Abend, Mister“, sagte Jake stattdessen artig. 

„Guten Abend. Du musst Jake sein.“ Barrys Bruder maß ihn mit einem Blick und schüttelte ihm die Hand. „Danke, dass du Mirabella heimbegleitet hast. Das ist wirklich gentlemanlike.“ Er räusperte sich, dann schaute er auf Mirabella herunter, die unbehaglich aussah und irgendwie zu schrumpfen schien. „Du konntest es natürlich nicht wissen, Jake, aber sie soll unter der Woche eigentlich um zehn zuhause sein. Nicht wahr, Mira?“ 

„Ähm, also eigentlich hatten wir das noch nicht endgültig ausdiskutiert, finde ich.“ 

„Doch, das haben deine Mutter und ich recht gründlich ausdiskutiert. – Sag mal, hast du getrunken?“ Sein Gesicht kam näher.  

„Ein Bier!“ Mirabella wich zurück. „Okay, vielleicht zwei.“ 

„Von zwei Bier kriegt man nicht so einen Zungenschlag. Oder… hast du etwa wieder diese speziellen Kekse von deiner Schwester bekommen?“ Er entwand der etwas zu langsamen Mirabella die Blechdose, öffnete den Deckel. „Hmm, okay. Bloß Lakritz. Da hat Barrys Ermahnung an Sofía offenbar gewirkt…“ Er gab die Dose zurück und hob den Daumen Richtung Flur. „Also schön, junge Dame, dann unterhalten wir uns jetzt in Ruhe über deine zweistündige Verspätung. Rein mit dir!“ 

Mirabella rollte die Augen, warf Jake einen entschuldigenden Blick zu. „Okay, Jake, dann, ähm… muss ich jetzt mal ein paar Dinge klären. Danke für den Abend.“ Sie zögerte kurz, dann gab sie ihm einen schnellen Kuss auf die Wange. „Grüß Sofía von mir. Und die anderen bitte auch. Bis bald!“ Harry ließ sie vorausgehen, nickte Jake knapp (und weiterhin nicht unfreundlich) zu und schloss die Haustür. Und Jake war sich nicht ganz sicher – aber hatte sich die davontrottende Mirabella da etwa grade ihre Jeans aufgeknöpft? 

Im Spätzug schrieb er ihr noch eine Nachricht. „Hey, M.! Hoffe, es war nicht allzu schlimm?“ Dann antwortete sie nicht sofort, und mit jeder Minute, die verging, wurde ihm seine Nachricht peinlicher. Ob es nur am Whiskey und diesen merkwürdigen Keksen gelegen hatte, dass sie ihm alles so freimütig erzählt hatte? Hoffentlich bereute sie das jetzt nicht. Als er zuhause angekommen war und endlich ins Bett fiel, schaltete er das Handy aus und schlief sofort ein. 

Erst am nächsten Tag, gegen 11, kam ihre Antwort. Jake nahm die Zahnbürste aus dem Mund und wischte über das Benachrichtigungssymbol. 

„Hey Jake, alles gut! Danke nochmal für den Besuch und für das Reden, es war echt lustig. Und danke, dass du die Kekse weggefressen hast, bevor mein Stiefonkel sie gefunden hat… es war auch ohne das ein ziemlich anstrengender Abend für ihn, seine rechte Handfläche brennt wie Feuer, und er hat einen Muskelkater im Arm… ich glaub, allmählich muss er seine Erziehungsmethoden mal überdenken ;)“ 

Jake lachte. Irgendwie erleichternd, dass sie ihre Offenherzigkeit auch nüchtern beibehielt. Auch, wenn er ihr ihre abgeklärte Nummer nicht so ganz abkaufte. 

Er führte seinen Daumen über das Display, dachte einen Moment nach, grinste und schrieb: „Stiefonkel? Den Verwandtschaftsgrad gibt’s ja gar nicht :-p “

2 Kommentare zu „Geschichtenwettbewerb Beitrag 5: Surprise, Surprise

  1. Jake ist wirklich sehr witzig getroffen in der Geschichte und die Idee mit Barrys Bruder Harry (der offenbar überhaupt nicht hairy ist) hat mir sehr gut gefallen.

    Tolle Einreichung!

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  2. Schöne Geschichte mit guten Truckstop-Vibes. Jake ist sehr gut getroffen. Nette Idee, die Handlung in die (nicht ganz so ferne) Zukunft zu verlegen. 👍

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