35. Vergangenes (Der Privatlehrer)

a/n: Hallo liebe Leser,

dieses Kapitel hat mich einiges an Nerven gekostet. Ich hatte den zweiten Teil dieses Kapitels schon vor dem Zeitsprung verfasst, war aber dann nicht sicher, ob es überhaupt relevant genug ist um es zu veröffentlichen und ich habe es zurückgehalten. Dann fiel mir aber eben doch auf, dass es wichtige Elemente enthält, auf die ich in späteren Kapiteln auch wieder Bezug nehme. Also wollte ich es als Rückblende mit kurzer Einleitung hochladen, allerdings wurde diese Einleitung doch etwas länger, weil es gerade so gut passte. Lange Rede, kurzer Sinn, willkommen in einem storylastigen Kapitel.

Finnegan verließ das Schlafzimmer von Mr. Abbott. Gerade hatte er ein wenig mit ihm gesprochen und sich nach dessen Wohlbefinden erkundigt. Er konnte nicht lügen, der Hausherr ihres Guts schien in einer wirklich schlechten Verfassung zu sein. Gut, dass er nun in den Händen eines Arztes war, der fachlich wirklich sein Handwerk zu verstehen schien. Er hatte da Josephine ja nicht ganz ernst genommen, als sie sich aufregte, dass alle sonstigen Mediziner, die versucht hatten, eine Diagnose zu stellen, Quacksalber gewesen waren, aber in diesem Fall schienen ihre Wutausbrüche ja sogar berechtigt. 

Alice ruhte sich noch ein wenig aus. Sie würde vor dem Zubettgehen mit Josephine sprechen, so hatten sie beide es nun besprochen. Finnegan haderte ob der harten Strafe, die er seiner Frau soeben verabreicht hatte noch ein wenig mit sich. Natürlich hatte er nun Mitgefühl mit Alice, die nun gerade wie jemand Erkranktes das Bett hüten musste. Wenn sie sich entgegen ihrer sonstigen Vernunft gegen die Strafe sträubte, machte es diese zu noch einer schwereren Aufgabe. Andererseits legte Alice von Zeit zu Zeit auch eine gewisse unterschwellige Arroganz ihm gegenüber an den Tag, die er so nicht stehen lassen konnte. Er war nicht dumm und ihm war genau bewusst, wenn sie an seinen Entscheidungen rüttelte und aus welchen Gründen sie glaubte, ihm in mancher Hinsicht überlegen zu sein. Er wusste, Alice war eine stolze Frau und sie schien nie ganz vergessen zu haben, dass sie beide vor ihrer Heirat ein gewisser Standesunterschied getrennt hatte. Er verlangte von ihr kaum so sehr sich unterzuordnen wie die meisten Männer von ihren Frauen. Doch Respekt erwartete er ohne Kompromisse. Darum war die Bestrafung eben gerade ein zweischneidiges Schwert gewesen. Natürlich sah Finnegan seine Frau nicht gerne leiden. Aber den Denkzettel hatte sie sich trotzdem redlich verdient. 

Gerade über all diese Gedanken auf den Weg zurück in ihr kleines, eigenes Häuschen – es war ehemals ein Nebengebäude des Anwesens gewesen und führte somit direkt auf den Innenhof der Abbotts – hatte er mit einem Mal den Duft eines ihm altbekannten Parfums in der Nase. Daher war er schon vorbereitet, als er um der nächsten Ecke Natalie Bènin begegnete. 


“Guten Abend, mein Schöner”, grüßte sie freundlich. “Na, kriegt mein Mann euren alten Herren wieder zusammengeflickt?” Auf ihren rotgeschminkten Lippen trug sie ein unverbindliches Lächeln. Alice hatte natürlich Recht darin, dass es sich schon seltsam anfühlte, Natalie so gegenüber zu stehen. Seine Gefühle dabei waren… kompliziert. Einerseits würde er niemals etwas tun, was seine Frau oder seine Kinder verletzen würde. Andererseits war Natalie die Art Frau, die mit jeder Geste, jedem Wort und jedem Lächeln ausstrahlte, dass sie jederzeit bereit für Sex wäre. Sie musste nichts Besonderes tun oder sagen, doch unausgesprochen war dieses leise Angebot nicht weniger aussagekräftig. 

“Das kann ich leider nicht genau sagen”, erklärte er. “Mr. Abbot erzählte mir, er müsste bald operiert werden. Er war jedoch zu erschöpft, um mit mir genaue Details zu besprechen.”

“Wenn jemand es hinbekommt, dann mein Mann”, erklärte Natalie zuversichtlich und legte eine Hand auf seinen Unterarm. “Das nimmt dich ziemlich mit, richtig? Wir könnten ein Gläschen trinken und ich bringe dich auf andere Gedanken…” Ihr Daumen strich über das kleine Stück Haut unter seiner Manschette. Augenblicklich zog er den Arm weg. 

“Nein, danke. Ich muss zurück zu meiner Frau”, erklärte er mit ernster Stimme. 

“Sicher”, erwiderte Natalie und trat einen Schritt zurück. “Wenn mir etwas fern liegt, ist es, einen anständigen Mann wie dich in Schwierigkeiten zu bringen.” Sie sagte das mit singender Stimme, ganz so als wäre das alles nur ein Spiel für sie. 

“Du bist du selbst verheiratet!”, zischte er ihr leise entgegen. “Du bist noch immer so schamlos wie damals, dabei verstehe ich wirklich nicht, warum du etwas Heiliges wie den Bund der Ehe derart beschmutzen musst.“

“Oh jetzt hör schon auf. Gerade versuche ich ein wenig abzukühlen und da bringst du mit deinen süßem Worten mein Blut gleich wieder in Wallung.” 

Finnegan schnaubte geräuschvoll. Dabei hatte er wirklich geglaubt, sie wäre nun anständiger geworden. Nicht dass ihn gestört hatte, wie sie gewesen war, nicht im Geringsten, sie war nunmal eine starke, unabhängige Frau mit eigenen Wertvorstellungen gewesen, doch warum versuchte sie sich nun zu verkleiden und so anders zu geben als sie wirklich war? Doch das wollte er ihr nicht so direkt sagen, er sorgte sich, dass sie Komplimente als Trittbrett für neue Annäherungsversuche nutzen könnte. 

Natalie musterte ihn eingehend und legte den Kopf schief. „Vom Bauern zum Edelmann… wie du plötzlich so vor mir stehst, mit anderer Kleidung und einer anderen Einstellung mir gegenüber… Ich weiß, Mr. Buchanan hatte bei deiner Wandlung seine Finger im Spiel und das hier sollte mich nicht wundern, aber du weißt gar nicht, wie sehr du ihm gerade ähnelst”, lächelte Natalie. “Pass bloß auf, dass du mich nicht zu viel reizt, mein Freund. Das ist schon einmal schlecht ausgegangen.” 

Finnegan schüttelte ein wenig den Kopf. “Ich weiß nun wirklich nicht, was du damit meinst.”

“Hm”, machte Natalie. “Das ist interessant.” 

Dann, ohne eine weitere Erklärung wandte sie sich von ihm ab und ging. Er blieb ein wenig verdattert stehen, als sie sich noch einmal umdrehte und “Im Übrigen… deine neue Aufmachung steht dir, mein Hübscher” sagte, dann verschwand sie um die nächste Ecke. Finnegan hatte das Gefühl, sie wüsste da etwas ganz Gewaltiges, was er verpasst hatte. Alice konnte er dazu nicht fragen, jetzt, da er ihr gerade erst glaubhaft versichert hatte, dass sich zwischen Natalie und ihm nichts abspielen würde. Mit Josephine konnte man nicht reden… da blieb ihm wohl bezüglich dieser Anspielungen nichts anderes übrig als weiter im Dunkeln zu tappen. 

Zudem hatte sie es leider durch ihre Worte und kleinen Gesten geschafft, seinen Erinnerungen einen ordentlichen Schubser zu verpassen. Er war ziemlich aufgewühlt als er über den Innenhof ging, gerade als sein Kopf ihm Streiche spielte und verdrängte Erinnerungen in seinen Verstand spülte, ihm Bilder zeigte, die er nicht sehen wollte, sah er, dass Alice auf ihn zu kam.


Sofort fühlte er sich von einer Welle von Schuldgefühlen überrollt. Er hatte nichts getan und er würde nichts tun, was Alice verletzen oder seine Ehe gefährden könnte, doch war es nicht äußerst ungerecht, seine Frau für Eifersucht zu bestrafen, wenn diese nicht unbedingt aus der Luft gegriffen zu sein schien? Schließlich legte es Natalie ja ordentlich darauf an. 


“Ist alles in Ordnung, Schatz?”, fragte Alice. “Du siehst aus als hättest du einen Geist gesehen.“

Den Geist der vergangenen Affäre, ja, dachte Finnegan seufzend. Natalie war gefährlich, definitiv. Aber das machte sie auch so aufregend. Er sollte nicht weiter darüber nachgrübeln, das tat ihm nicht gut, wie er gerade deutlich spürte.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte er daher wahrheitsgemäß und Alice musterte ihn besorgt, reckte sich dann hoch und küsste seine Wange. 

„Wir müssen jetzt stark bleiben“, flüsterte sie. „Egal wie es für Mr. Abbott ausgeht.“

Er nickte stumm und schämte sich ein wenig, dass sie ihm jetzt so gut zusprach und keine Ahnung hatte, wie falsch er seine Prioritäten gerade setzte. Damit musste Schluss sein.

“Redest du jetzt mit Josephine?”, fragte er sie, nicht zuletzt um auf andere Gedanken zu kommen.


“Ja.” Auch Alice wirkte bedrückt und irgendwie nervös. “Ich hoffe, es kommt etwas Sinnvolles dabei heraus.”

Finnegan nickte. “Das wird schon.” Er drückte noch einmal ihre Hand, dann machte sie sich auf den Weg ins Hauptgebäude.


Alice schlug das Herz bis zum Hals und sie fühlte sich absolut albern dabei. Sie kannte Josephine schon ein Leben lang. Es gab nicht den geringsten Grund, vor einem Gespräch mit ihr derart nervös zu sein. Oder doch? 

Zugegeben, sie sprachen in den letzten Jahren nicht sehr viel. Seit Mr. Buchanan gegangen war, hatte Josephines Wesen sich so stark verändert und Alice hatte damit nur sehr schlecht umgehen können. Sie wollte hinter ihr stehen und ihr den Rücken stärken, doch ihre Arroganz und ihr Lebensstil brachten sie immer wieder auf die Palme und sie konnte kaum ruhig bleiben, wenn sie sah, wie selbstzerstörerisch Josephine sich verhielt. Darum war es oft besser, gar nicht zu reden. Denn wenn sie sprachen, konnte Alice kaum an sich halten. Sie musste versuchen, Josephine gut zuzureden, zu ermahnen oder sie daran zu erinnern, dass sie mal ganz anders gewesen war. Doch je mehr sie das tat, desto mehr glitt ihr Josephine durch die Finger. 

Doch das war in einer Situation wie dieser absolut fehl am Platz. Josephine sollte jetzt Verständnis und Liebe erhalten, nichts sonst. 

Alice schloss kurz die Augen und atmete durch. Wann war das alles nur so derart aus dem Ruder gelaufen? An welchem Punkt hatte ihre Freundschaft sich so entzweit? Als sie darüber nachdachte, konnte sie es mit einem Mal genau festnageln. Es war der Tag nach ihrer und Finnegans Hochzeit gewesen. 


„Hörst du mir überhaupt zu, Phine?“ Alice beobachtete besorgt ihre beste Freundin. Würde sie sie je wieder anders anschauen können als mit dieser tiefgreifenden Sorge? Das fragte sie sich gerade ernsthaft.

Josephine hatte das Gesicht in den Armen vergraben und schaute nur widerwillig und mit halb geöffneten Lidern auf zu ihr. Ihr Blick war verschwommen. Kein Wunder, so viel wie sie gestern Abend getrunken hatte, dachte Alice.

„Ja… aber sicher doch“, hauchte Josephine und hätte dabei unüberzeugender kaum wirken können. „Finnegan und du zogt euch in eure neuen Schlafgemächer zurück und was geschah dann?“

Alice schluckte. Gerade verspürte sie so gar keinen Drang, diesen wundervollen Moment voller Liebe mit jemandem zu teilen, der es nicht zu schätzen wusste.

„Was geschah denn bei dir?“, fragte sie stattdessen. Josephine hatte die ganze Hochzeitsfeier lang an einem von Finnegans Cousins geklebt. Er war – ohne ihm zu nahe treten zu wollen – weder sonderlich charmant noch klug oder gar attraktiv, doch Josephine hatte ihn behandelt wie einen König, über jeden noch so kleinen Witz von ihm gelacht. Am Ende des Tages waren sie zusammen in ihren Schlafgemächern verschwunden. Alice hatte die böse Vorahnung, dass Josephine sich betrunken und verletzt in etwas gestürzt hatte, was sie nun bereute.

„Ach… nichts weiter Aufregendes“, wehrte Josephine ab.

„Du hast doch nichts Unüberlegtes mit Lucas getan?“, fragte nun Alice besorgt.

„Ich wünschte mal, ich hätte es gelassen“, war Josephines gereizte Antwort. „Der Kerl hat mich durchgerammelt wie ein tollwütiges Karnickel. Ich bin komplett wund.“

„Josephine!“ Alice starrte entsetzt in das müde Gesicht ihrer Freundin. „Du… hast ihm einfach so deine Unschuld geschenkt? Einem Wildfremden? Wie konntest du das tun?“

„Meine Unschuld… ja… die hat mir ein Anderer genommen.“

Alice riss die Augen auf. Sie wusste genau, dass Josephine das nicht unter Mr. Buchanans Aufsicht getan hatte, also hatte sie innerhalb von zwei Wochen mit zwei verschiedenen Männern geschlafen. Das schockierte sie wirklich. Vor allem weil sie genau wusste, wie viel Angst Josephine vor dem ersten Mal gehabt hatte. Und jetzt hatte sie sich einfach so irgendwem hingegeben? Oder war es am Ende doch Mr. Buchanan selbst gewesen? Nein, das konnte sie sich nur schwer vorstellen.

„Kenne ich diesen Mann?“, bohrte sie daher nach.

„Moment.“ Josephine schien zu überlegen. „Trevor Patterson war glaub ich der erste. Oder war es Peter Garvey?“

Alice spürte, wie sich alles in ihr zusammenzog. Sie konnte nicht glauben, was sie da zu hören bekam.

„Du hast in zwei Wochen mit drei Männern geschlafen?

„Mach sechs daraus. Oder sieben. Na gut, alle Angaben ohne Gewähr.“ Josephine kicherte. Es klang unglaublich unnatürlich.

“Findest du das witzig?”, fragte Alice geradeheraus, ungläubig. Sie erkannte in diesem Moment den Menschen, der ihr gegenüber saß, gar nicht mehr als ihre geschätzte Kindheitsfreundin. Die Josephine, mit der sie aufgewachsen war, war immer schon wild gewesen, oft frech und so unglaublich stur, ab und zu stürzte sie sich auch Hals über Kopf in die verrücktesten Situationen. Doch sie war eines ganz gewiss nie gewesen- leicht zu haben. Wer bei Josephine gute Karten haben wollte, musste früher aufstehen. Und er musste sich einiges an Mühe geben, um von sich zu überzeugen. Wenn jemand, der Josephine noch recht fremd war, auch nur eine dumme Sache tat oder sagte, war er direkt abgeschrieben. Wie viel musste sie also getrunken haben, wie verzweifelt musste sie gewesen sein, dass sie irgendwelche Fremden so an sich heranließ?

Und war ihr ihre Jungfräulichkeit nicht vor einiger Zeit mal etwas wert gewesen? Nun hatte sie sie einfach davon geworfen, einem Kerl geschenkt, den sie mit einem beliebigen Anderen durcheinander warf. Alice spürte, wie die Sorge in ihr wuchs. Das war doch kein Leben für ihre geliebte Freundin!

“Ach, du bist ne Spielverderberin.” Josephine winkte ab und wirkte dabei ebenso gelangweilt wie verärgert. “So wie du mich anguckst, bereu ich, was gesagt zu haben, ehrlich mal.”

“Was dachtest du denn? Dass ich dir zu diesem Desaster gratuliere?” Alice spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. Josephines Augen waren so leer. Sie wirkte müde, ausgelaugt. Es tat Alice weh, streng mit ihr zu sein und das noch in ihrem jetzigen Zustand, aber sie hatte das Gefühl, dass diese Aufgabe nun da Mr. Buchanan fort war, allein an ihr hängen blieb.

“Lottie unterstützt mich jedenfalls”, erklärte Josephine und spielte mit ihrem Rocksaum. Eines schien sie nicht mehr zu schaffen, ihr in die Augen zu sehen während sie ihr diese Sachen an den Kopf warf.

“Lottie ist nicht gerade ein blühendes Beispiel, oder?”, merkte Alice an. “Willst du etwa werden wie sie? Dass sich in ganz England herumspricht, dass du leichte Beute für dahergelaufene Lüstlinge bist?”

Josephine zuckte mit den Schultern. “Damit werden sie womöglich umso leichtere Beute für mich. Abgesehen davon ist mir egal, was meinetwegen die ganze Welt über mich denkt.”

Alice schluckte, nach einem Moment legte sie ihre Hand auf die von Josephine.

“Ich weiß, dass das nicht stimmt. Dass du so nicht bist wie du dich gerade darstellst. Und dass dir sehr wohl daran gelegen ist, deinen Namen und den deines Vaters zu wahren. Josephine”, setzte sie an und da sie sie sonst nie beim vollen Namen nannte, musste diese einfach spüren wie ernst es ihr gerade war. „Du weißt, ich war die ganze Zeit still und habe mich bemüht, dich nicht zu fragen aber tust du das alles weil Mr. Buchanan dich verletzt hat? Was ist da passiert zwischen euch? Ist es denn gar nicht wiedergutzumachen? Du scheinst ihn doch wirklich zu lieben, so dreckig wie es dir jetzt geht.“

Josephine entzog ihre Hand und sah sie durch ihre noch leicht glasigen Augen an.

“Bitte… hör auf zu tun als würdest du’s verstehen. Das übersteigt sowieso deinen Horizont, Alice. Du hast weder die Erfahrung noch das Wissen um gerade auch nur im Ansatz hilfreich zu sein. Und vielleicht tätest du ab und zu auch gut daran, deinen Platz zu kennen.“

Sie konnte nicht fassen, was sie da gerade hörte. So dreist hatte ihre beste Freundin nie zuvor mit ihr gesprochen.

“Du kannst richtig eklig sein, weißt du das. Ich wollte wirklich für dich da sein, aber wer nicht will, der hat schon.” Mit diesen Worten erhob Alice sich von ihrem Sessel.

“Meine Güte… ja geh nur, mir dröhnt sowieso der Schädel.” Josephine stützte ihren Kopf auf dem Arm ab und schloss die Augen.

Alice ließ sie im Zimmer zurück. Besser, Josephine würde sich erst ausnüchtern. Dennoch fiel es ihr innerlich gerade schwer, ruhig zu bleiben. Restalkohol hin oder her, es war einfach verletzend, solche Dinge an den Kopf geworfen zu bekommen. Sie konnte nur hoffen, die Dinge würden sich bald bessern.


„Hey…“ Finnegan kraulte ihre Schulter und betrachtete sie dabei eingehend. Wenn er sie so schräg ansah, fielen ihm seine Locken in die Stirn. Alice gefiel dieser Anblick ausgesprochen.

„Was ist denn heute Abend los? Du bist dem Kopf ganz woanders, das merk ich doch.“

Dabei war das doch erst ihre zweite gemeinsame Nacht. Finnegan war heute nicht mehr ganz so behutsam und langsam vorgegangen und es hatte ihr gefallen. Auch wenn sie noch nicht richtig verstand, was „Lust“ war, hatte es sich doch schön angefühlt, ihm nahe zu sein. Ihre Finger strichen seine Schultern entlang. Sie mochte seine Wärme, wie sich seine Haut anfühlte, das Glitzern in seinen Augen wenn er sie unbekleidet sah. Sie wollte all das genießen, voll und ganz an dem Moment festhalten, den sie als frisch gebackenes Paar genießen sollten, doch es gelang ihr nicht.

Josephines verletzende Worte wollten ihr nicht aus dem Kopf gehen, so sehr sie auch versuchte, sie zu verdrängen.

„Alice?“, fragte Finnegan noch einmal als sie nicht antwortete.

„Ent… schuldigung“, hauchte sie. „Ich hatte einen schlimmen Streit mit Josephine. Aber es ist albern“, entschuldigte sie sich dann schnell. „Tut mir leid, dass ich es ausgesprochen habe.“ Eine Ehefrau, hatte ihre Mutter ihr beigebracht, hatte sich für die Belange ihres Mannes zu interessieren. Nicht umgekehrt.

„Was redest du denn da?“ Finnegan stieß sie spielerisch an „Das ist überhaupt nicht albern. Erzähl mir davon. Wir sind jetzt Eheleute. Wenn dir etwas auf dem Herzen liegt, will ich es wissen, hm?“

Sie blickte ihn gerührt an. Das klang plausibel für sie, viel mehr als die vielen strengen Regeln, die ihre Mutter ihr auferlegt hatte.

„Dein Cousin und Josephine haben sich scheinbar in unserer Hochzeitsnacht ebenfalls vergnügt.“

„Ja“, seufzte Finnegan. „Das hat Lucas heute Morgen überall herumposaunt. Ich denke er hätte nie zu träumen gewagt, einmal so eine feine Dame wie Miss Abbott in die Schlafgemächer zu begleiten.“

„Davon hätte allerdings auch ich nicht geträumt“, seufzte Alice. „Das sieht Josephine nicht ähnlich. Ihr war der Gedanke, einem fremden Mann ihre Unschuld zu schenken, stets zuwider.“

„Sie hat wirklich tief ins Glas geblickt“, wandte Finnegan ein, ihre Schulter streichelnd. „Hat sie es bereut?“

Alice wurde rot um die Nase. Ja, aber nur weil Lucas sie angeblich ‚gerammelt hatte wie ein Karnickel‘. Doch solche Worte würde Alice niemals über die Lippen bringen.

„Es war nicht ihr erstes Mal. Inzwischen tut sie das wohl regelmäßig, fremde Männer in ihr Bett lassen.“ Alice schüttelte es bei dem Gedanken. „Ich weiß nicht, was zwischen ihr und Mr. Buchanan geschehen ist, doch dafür, was er aus ihr gemacht hat, würde ich ihm gut und gerne den Hals umdrehen!“

„Alice!“, mahnte Finnegan. „Ich möchte nicht dass du so etwas sagst. Denk daran dass wir ihm unsere Verbindung verdanken. Zudem hat er mir viel beigebracht. Ich schätze diesen Mann. Was zwischen Josephine und ihm geschehen ist können und werden wir nicht beurteilen.“

„Entschuldige…“, murmelte Alice kleinlaut. „Es ist nur so… ich verstehe, dass jeder sonst glaubt, das sei eine von Josephines typischen Launen. Doch ich kenne sie besser und weiß, wie schlecht es ihr geht. Dieser Streit… es war sicher nicht unser erster, doch niemals in den ganzen Jahren, wie wütend sie auch war, hat sie mir das Gefühl gegeben, sie würde über mir stehen. Sie hat mich in unserer Freundschaft ihren Status niemals spüren lassen. Bis heute.”

“Ihr wart Kinder, Alice. Dieses Bewusstsein, dass man nicht derselben Welt entstammt, entsteht bei vielen der feinen Herrschaften erst später.”

Alice schüttelte heftig den Kopf. Sie spürte, wie Tränen in ihre Augen traten. Sie wollte nicht glauben, dass etwas zwischen Josephine und ihr sich grundlegend verändert hatte. Der Gedanke war zu schmerzhaft.

“Shh… ist schon gut”, murmelte Finnegan und drückte sie an sich, küsste zärtlich ihre Stirn. “Es ist nur eine Vermutung. Vielleicht bin ich im Unrecht. Außerdem wäre es ihr Verlust, nicht deiner, hörst du? Du hast jetzt eine Familie. Wir werden Kinder haben und glücklich sein und sie einsam und hochnäsig bleiben.”

Alice schwieg und kuschelte sich noch etwas fester an Finnegan. Für sie war Josephine ebenso Familie und der Gedanke, dass sie einsam sein würde, vermochte sie kein bisschen zu trösten. Trotzdem tat es gut, mit Finnegan darüber sprechen zu können und dass er immerhin versuchte, sie zu trösten.

“Wir sollten schlafen”, flüsterte sie. “Sonst werden wir morgen früh schlecht aus dem Bett kommen.”

“Dann gute Nacht, Liebste”, erwiderte Finnegan sanft. Alice schloss die Augen. Dennoch sollte es lange dauern, bis sie wirklich zur Ruhe kam.


Josephine sah dem Gentleman zu, wie er sich seine Pfeife ansteckte. Im Morgenlicht sah er doch durchaus älter aus, als sie letzte Nacht noch vermutet hatte. Vielleicht hatte auch der Alkohol ihre Sinne getrübt.

Eigentlich hätte sie ihm gerne mitgeteilt, dass sie es nicht billigte, wenn jemand in ihrem Bett rauchte, aber dazu fehlte ihr gerade die Energie und ihr Kopf pochte zu schmerzlich. Also zog sie das Laken etwas enger an ihren Körper und ließ sich in Rauchschwaden hüllen.

Sie hätte gestern wohl nicht wieder trinken sollen, doch nichts anderes als Alkohol und Sex hatten sie von dem Streit mit ihrer geliebten Alice ablenken können. Ihre harten Worte taten Josephine durchaus leid und sich an sie zu erinnern, schmerzte sie wie ein Messer in ihrer Magengrube. Sie wusste, dass sich Alice nur um sie sorgte. Andererseits war sie von ihrer schrecklich frommen Art auch unheimlich entnervt. Sie könnte doch wenigstens ab und an ein wenig mehr wie Lottie sein. Aufgeschlossen, unterstützend, gleichgültig.

Josephine seufzte und legte den schweren Kopf auf ihren angezogenen Knien ab. Eigentlich liebte sie Alice, wie sie war. Sie spürte, dass sie nur aus Sorge um sie so heftig auf ihre Geständnisse reagiert hatte. Doch Alices Vorschlag hätte ebensogut von jemand anderem stammen können.

Nur dass dieser gewisse Jemand seine Worte mit einer Menge strenger Hiebe auf ihr unbekleidetes Hinterteil unterstrichen hätte. Er würde in keinster Weise billigen, was sie hier Nacht für Nacht trieb, ihr fiel sogar nicht das Geringste ein, was ihn wütender machen würde als genau das. Dass sie sich bedeutungslosem Sex mit Fremden hingab, die Ehre ihrer Familie beschmutzte und obendrein alkoholtrinkend mit Lottie über andere herzog. Wenn sie ehrlich zu sich war, war das wohl der Grund, warum sie all das hier so exzessiv betrieb. Tief im Inneren hoffte sie, dass er Wind davon bekam, dass er erfuhr, was sie seinen Werten, Lektionen und auferlegten Regeln übrig geblieben war. Wie wenig Einfluss seine Präsenz auf ihr Leben gehabt hatte. Im Gegenteil, seine grauenhafte Tat gab sogar den Anstoß, dass sie so viel schlimmer wurde, als er je befürchtet hätte.

Das stimmte zwar nicht, aber allein der Gedanke, dass er ihrer Scharade Glauben schenken würde, war der Strohhalm, an dem sie sich festhielt, um irgendwie weiterzumachen.

“Auch einen Zug?”, fragte der Fremde neben ihr. Sie nahm ihm die Pfeife aus der Hand und zog einmal tief daran. Es war scheußlich. Der Tabak brannte in ihrem Hals und sie konnte gerade so ein Husten unterdrücken. Mit einem kleinen Nicken gab sie die Pfeife zurück.

Sie haderte mit sich. Sollte sie sich bei Alice entschuldigen? Eigentlich wäre es angemessen und dass es ihr leid tat, sich über sie gestellt zu haben, stimmte. Aber was würde dann geschehen? Alice würde erneut nagen, sie mit diesen unangenehmen Fragen und Moralpredigten bedenken. Vielleicht wäre es besser, wenn sie für eine Weile nicht miteinander sprachen.

Als wäre es Gedankenübertragung, klopfte es im nächsten Moment an Josephines Zimmertür. “Herein”, sprach sie unverhohlen. Der Gentleman neben ihr wirkte einigermaßen überrumpelt, versuchte nun plötzlich seine zuvor betont ungezwungene Nacktheit zu bedecken.

Alice trat ein, einen Krug heißes Wasser für Josephines Morgentoilette in den Händen.

“Oh!”, rief sie aus. “Ich wollte wirklich nicht stören, Verzeihung.”

“Das tust du nicht. Der Herr war gerade im Begriff zu gehen”, erwiderte Josephine trocken.

“Ja… na sicher”, murmelte besagter Herr und während Alice ihnen artig den Rücken zudrehte, stopfte dieser sich hastig zurück in seine Kleidung. Josephine musterte ihn ein  ohne Interesse. Er war wirklich nicht hübsch, aber am Ende des Tages wohl auch nicht besser oder schlechter als jeder andere beliebige Kerl.

“Lady Abbott” Er machte noch einen übertrieben tiefen Diener, verabschiedete sich ebenso höflich von Alice und verließ das Zimmer.

Diese verzog das Gesicht, sah dann zu Josephine. “Komm her, sonst wird das Wasser kalt.”

Ohne ein weiteres Wort leistete Josephine diesem Befehl Folge und nahm nackt wie sie war auf dem kleinen Schemel vor der Waschkommode Platz. Ihre Morgentoilette verlief ohne weitere Worte der beiden jungen Frauen. Alice schien verletzt, noch immer schockiert und das nagte auch an Josephine. Doch vielleicht war es fürs erste besser so. Vielleicht war eine fürsorgliche Freundin wie Alice nicht das, was sie gerade verdiente.                             

8 Kommentare zu „35. Vergangenes (Der Privatlehrer)

  1. Schön, so eine Lücke gestopft zu sehen!
    Ich meine, ich mochte bekanntlich den Schock des Zeitsprungs, nach dem plötzlich alles anders war gerne, aber es ist sicher nicht verkehrt, so auch nachzureichen, wie es in der Zwischenzeit vor sich ging, weil es eben für die Figuren kein plötzlicher Sprung, sondern ja eine langsame Entwicklung war.
    Beziehungsweise zwar eine schnelle, sprunghafte Wandlung für Josephine, aber die anderen haben sich halt langsam damit arrangieren müssen und hier erlebt man mit, wie es ablief.

    Die Rahmung leitet auch gut dazu über, so dass es nicht hereingezwungen wirkt.
    Ich muss aber doch gestehen, beim Gespräch zwischen Natalie und Finnegan war ich etwas besorgt, ob nicht doch etwas passiert, was er nachher bereut. Gut, dass es nicht so gekommen ist, hoffen wir, es bleibt so. Die Haupthandlung ist gerade schon düster genug. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Look,
      Das hast du wirklich sehr treffend beschrieben, vor allem geht es um ihre Wandlung und wie es mit den anderen damit geht, aber auch um den Streit von Alice und Josephine und wie es dazu kam dass sich beide entfremdet haben.

      Oh nein 😀 an welchen Stellen wurdest du denn genau besorgt? Interessiert mich mal. Ja, es geht gerade schon sehr düster zu. Bin gespannt wie euch der weitere Verlauf der Geschichte gefallen wird.

      glg

      Gefällt mir

      1. Es war keine konkrete, auf den Punkt zu bringende Alarmglocken-Stelle, aber der kleine „Schubser“ für die Erinnerungen ließ mich doch überlegen, ob die Autorin da nicht doch etwa was Schlimmes plant. 😉

        Gefällt 1 Person

  2. Die Geschichte war wider sehr schön. Ich war tatsächlich auch kurz besorgt, dass Finnegan, sich vielleicht doch zu einem Fehler hinreißen lässt, bin aber froh, dass dem nicht so war. Langsam möchte ich aber doch wissen, wie es bei Josephine weitergeht :-). Ich bin aber sicher, da wird noch die ein oder andere Überraschung kommen.
    LG,
    Luise

    Gefällt 1 Person

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