11. Die Geburtstagsfeier (Der Privatlehrer)

Ausgelassen summend flechtete sich Josephine ihren zweiten Zopf, um ihn in die Hochsteckfrisur zu schieben. Alice reichte ihr eine Haarklammer. Ihre geliebte Alice, Freundin, Schwester im Geiste, Seelenverwandte. Josephine strahlte sie durch den Spiegel hindurch an. Niemals hätte sie vermutet, wie wichtig ihr dieses Mädchen war, aber vier Wochen Abstand hatten ihre Zuneigung nur steigen lassen. Heute sahen sie sich zum ersten Mal wieder, was Josephine einfach nur glücklich machte und Alice wohl nicht weniger. Das arme Mädchen, ihre Hände waren ganz aufgeraut von der Küchenarbeit. Noch immer nagte das Gewissen ein wenig an Josephine, aber da ihre Freundin sie einfach mit einer festen Umarmung begrüßt hatte und auf ihr erstes Wort hin die Antwort nur „Ist schon gut, Phine“ gewesen war, war sie sich nun sicher, dass ihr vergeben worden war.

Diese vier Wochen waren aber auch grässlich gewesen. Was auch geschah, sie wollte um nichts in der Welt mehr Stubenarrest riskieren. Dann lieber Prügel einstecken, die waren zumindest hinterher vorbei. Wobei, die Nachwirkungen… Josephine rutschte probeweise etwas auf ihrem Po hin und her. Nein, heute hatte sie mal keine Hiebe kassiert. Sie wusste sicher warum, denn heute war sie sehr bemüht gewesen, eine vorbildliche Schülerin zu sein.

Der erste Tag nach ihrem Arrest und ausgerechnet heute fand die Geburtstagsfeier ihrer offiziellen besten Freundin, Lady Charlotte Elizabeth Thurgood, inoffiziell von allen Lottie genannt, statt. Sie hatte wirklich ein verdammtes Glück. Lottie und Josephine hatten eine Menge Gemeinsamkeiten, sie liebten Mode und hübsche Stoffe, tratschten für ihr Leben gerne über alles und jeden und Lottie war auch diejenige gewesen, die Josephine beigebracht hatte, wie man etwas mit jungen Männern anstellte, ohne wirklich etwas anzustellen. Bei dem Gedanken überkam Josephine eine Gänsehaut. Ihrem Intimbereich ging es längst wieder gut, glücklicherweise, doch allein der Gedanke an sexuelle Abenteuer ließ sie an Peter und diese schreckliche Brennnessel-Strafe denken. Womöglich war ihr Bedarf nach Abenteuern bis auf Weiteres gedeckt.

„Wie ist es dir ergangen?“; wollte Alice wissen, während sie ihr eine frische Blume ins Haar steckte. Sie hatte immer so tolle Ideen. Wie hübsch das aussah!

„Oh…. naja…“, sprach Josephine gedehnt. Immerhin hatte sie es geschafft, dass ihre Strafe nicht verlängert wurde, doch der Weg dorthin war die Hölle gewesen. Jeden Tag nichts tun als am Schreibtisch zu sitzen und zu lesen, zu schreiben, zu lesen und wieder zu schreiben und das noch auf einem höllisch wunden Hintern, das war eine harte Lektion, die sie da hatte lernen müssen.

Die ersten Tage waren am schlimmsten gewesen, weil die da noch von diesem Gertenhieben-Brennessel-Seifen-Ritual gequält wurde. Mit Grauen dachte sie daran, wie er sie vor einem Eimer hatte knien lassen, frisch verstriemt und mit juckendem, heißem Intimbereich, damit er immer wieder dieses nasse, eklige Seifenstück in ihrem Mund hin und her bewegen konnte. Sie hatte bereits gedacht, mit Seife im Mund in der Ecke stehen zu müssen, wäre schlimm gewesen, aber wirklich mit Wasser und Seife den Mund ausgewaschen zu bekommen hatte sie wirklich gründlich gelehrt, ihre Widerworte stark herunterzuschrauben. Dieser Kerl war ein Albtraum.

„Schön war es nicht. Aber sag, wie war es bei dir? Es tut mir echt so leid dass du in der Küche arbeiten musstest.“

„Das war wirklich nicht einfach“, räumte Alice ein. „Der Koch ist ein stinkender Zwerg mit dem Ego eines Riesen.“

Beide Mädchen kicherten. „Das ist nicht nett von dir“, erklärte Josephine erheitert. „Aber er hat dich doch wohl nicht geschlagen?“

„Er nicht, aber meine Mutter“, seufzte Alice. „Als sie erfahren hat, was ich angestellt habe und wo sie mich für die nächsten vier Wochen hinschicken…“

„Hat sie dich wieder mit ihrer Schneiderelle durchgeprügelt?“, fragte Josephine schuldbewusst.

„Nein, ich musste frische Triebe vom Haselstrauch pflücken und dann hat sie mir damit den ganzen Körper durchgepeitscht.“

„Den ganzen Körper?!“, wiederholte Josephine entsetzt und mit riesigen Augen. Was für eine grässliche Vorstellung, ihre arme Alice! Was hatte sie da nur angerichtet.

„Dass du mir überhaupt verzeihst“, murmelte sie geknickt.

„Ach, das ist doch jetzt Schnee von gestern“, winkte Alice ab „Und ich schätze, dich hat es mit deinem Professor nicht sehr viel besser getroffen. Der hat aber auch eine Handschrift, alle Achtung!“

Josephine schwieg missmutig. Das war nun ein Thema, über was sie äußerst ungern nachdachte. Dass Alice ebenso halbnackt von ihm versohlt worden war wie Josephine selbst. Dabei störte sie wohl eher der Nackt-Aspekt als das versohlt werden. Und dann war sie noch so hörig gewesen!

„Naja so einsichtig wie du werde ich nie im Leben, ich schätze ich hab noch eine Weile was von ihm“, murmelte Josephine etwas unwillig.

„Ach komm, du hast dich schon gebessert, hm? Jeder Mensch kann sich ändern. Manche brauchen dafür eben ein paar ordentliche Hintern voll wie du…“

„Ich brauche doch keinen Hintern voll!“, protestierte Josephine. Na schön, sie hatte bei diesem dämlichen Mr. Buchanan in den letzten Wochen mehr gelernt als bei jedem ihrer anderen Lehrer in all den Jahren zusammen, aber das hätte ganz bestimmt auch ohne Prügel funktioniert. Sie weigerte sich, den Gedanken zuzulassen, dass es anders sein könnte.

„So wie du ihn gereizt hast?“, warf nun Alice ein „Ich dachte nur die ganze Zeit über ‚Warum bist du nicht endlich still, legst du’s drauf an?‘ Mann, hat der dich dich für diese Drohung durchgedroschen, da wäre selbst meine Mutter vor Neid erblasst.“

Josephine verzog das Gesicht. Auch das war ein wirklich sehr schmerzhaftes Erlebnis gewesen, das sie lieber ganz schnell verdrängen wollte. Bisher hatte keine Tracht Prügel über seinem Schoß so geschmerzt wie die an diesem Abend und das noch vor Alice. Wenigstens hatte sie sie nicht zappeln sehen, aber ganz sicher schreien gehört wie ein kleines Kind.

„Können wir das jetzt bitte lassen? Ich hab zum ersten Mal seit Wochen heute mal keine Striemen auf dem Po und will nicht ausgerechnet jetzt dran denken“, seufzte Josephine.

„Hast du nicht? Wie hast du das denn hingekriegt?“, grinste Alice unverhohlen.

„Naja gestern war ja sowieso Sonntag und heute habe ich die ganze Zeit daran gedacht, dass ich auf dem Fest nicht verstriemt herumlaufen will. Das war eine ziemlich gute Motivation“, erklärte Josephine schulterzuckend. Ihre Frisur war nun endlich fertig.

„Hilfst du mir in das Kleid? Und das Korsett muss unbedingt noch enger sein.“ Josephine zupfte etwas an diesem herum. Ihre Brüste waren nicht sehr groß und das gefiel ihr nicht. Vor allem nicht bei dem ausgeschnittenen Kleid, was sie für diesen Anlass ausgesucht hatte.

„Das sitzt doch gut“, befand Alice und schüttelte den Kopf ein wenig. „Da willst du schmerzfrei herumlaufen und schnürst dir stattdessen die Luft ab.“

„Ein bisschen, okay?“ Josephine drehte Alice den Rücken zu und diese begann an den Schnüren zu ziehen. „So?“ „Nein, mehr… noch ein bisschen, komm schon“, beobachtete sie verzweifelt ihr Dekolletee. Alice war aber auch viel zu zimperlich!

„Mehr mache ich nicht“, sprach ihre Freundin abwehrend und band die strammgezogenen Schnüre fest. Na schön. Bequem war es schon jetzt nicht mehr, das musste Josephine sich eingestehen, aber sie wäre bereit gewesen, da noch etwas weiter zu gehen. Dann ließ sie sich ihr Kleid aus hellgrünem Taft überziehen, was Alice ihr nun ebenfalls gewissenhaft zuschnürte. Sie betrachtete sich im Spiegel und war mit dem Anblick nun doch recht zufrieden. Den Ausschnitt noch etwas herunter gezupft, dann war es perfekt. So fein gemacht nach all den Wochen fühlte sie sich endlich wieder wie sie selbst.

„Du siehst toll aus, Phine.“ Alice lächelte ihr durch den Spiegel zu und sie konnte einfach nicht anders als sich zu ihr umzudrehen und sie herzlich zu umarmen. „Ich freu mich einfach auf den Abend. Ich wünschte, du könntest mitkommen.“

„Ach“, winkte Alice ab. „Viel Spaß dir.”

“Danke!”, quietschte Josephine freudig erregt und küsste ihrem Stubenmädchen noch einmal beide Wangen ab. Sie beide nahmen gemeinsam noch ein paar kleine Änderungen vor – Alice zupfte den Ausschnitt nach oben, Josephine nach unten -, dann verließ Josephine auch schon das Zimmer.

Gerade als sie das tat, trat ihr Alice’s Mutter in den Weg, eine stämmige, große Frau mit dem selben weizenblonden Haar wie ihre Tochter. Ihr grimmiger Gesichtsausdruck verhieß nichts Gutes. Auch sie sah sie zum ersten Mal seit fünf Wochen, auf dem Weg zum Unterricht oder den Stallungen, was Josephines einzige Wege draußen gewesen waren, waren sie sich jedenfalls nicht begegnet.

“Guten Abend, Martha”, murmelte Josephine.

“Oh sparen Sie sich Ihre Floskeln, Miss Abbott! Haben Sie die geringste Ahnung, was Sie angerichtet haben? Dieses eine Mal haben Sie das Maß endgültig überschritten!”

Josephine blinzelte überrascht. Sie kannte Martha als strenge Frau, doch so hatte sie noch niemals mit ihr geredet, immerhin war sie immer noch ihre Arbeitgeberin.

“Meine Tochter, eine Küchenmagd! Was glauben Sie, worum ich jahrelang gekämpft habe? Aber was erzähle ich so einem jungen Ding, dem alles in den Schoß fliegt seit es atmen kann!”

“Entschuldige mal!”, warf Josephine empört ein.

“Nichts entschuldige ich! Ihr Vater ist ein guter Mann und war stets großzügig zu unserer Familie, das ist der einzige Grund, der uns bleiben lässt! Aber Alice. Alice wird sich in Zukunft fernhalten von Ihnen.”

“Alice ist meine Freundin”, warf Josephine ein. “Mir tut wirklich leid was passiert ist, es wird nicht wieder vorkommen.” Jetzt entschuldigte sie sich auch noch bei einer Magd, wo kamen sie denn da hin?! Aber Alice zuliebe musste es sein, dachte sie innerlich seufzend.

“Wenn so etwas noch einmal vorkommen sollte tut es mir leid! Nein ich werde dafür sorgen dass sie nicht länger Ihr Stubenmädchen bleibt. Sie ist sowieso schon lange im heiratsfähigen Alter. Ich kümmer mich jetzt richtig um diese Sache bevor der falsche Umgang mir mein Mädchen verdirbt.” Martha blickte demonstrativ auf Josephines Dekolletee, dann rauschte sie auch schon ab.

In Josephines Kopf schwirrten die Gedanken. War sie gerade indirekt als leichtes Mädchen beschimpft worden? Und würde diese Frau ihr wirklich Alice entreißen? Die vier Wochen ohne ihre Freundin waren doch schon unerträglich gewesen, ein Leben ohne sie wollte und konnte Josephine sich nicht vorstellen! Und wer war schuld an alldem?

Professor Buchanan mit seinen völlig überzogenen Strafen! Zornige Tränen stiegen in Josephines Augen. Das verdarb ihr nicht nur den Abend, das verdarb alles. Dieses Mal war er wirklich zu weit gegangen. Alice und sie hatten sich an all seine Sanktionen gehalten und das war nun der Dank?

Krampfhaft sucht sie in ihrem Kopf nach einer Lösung. Sollte sie jetzt wirklich ernst machen und versuchen, ihn loszuwerden? Das würde nicht leicht werden, egal wie sie es anstellte. Ihr Vater nickte jede Entscheidung ihres Lehrers mit naiver Begeisterung ab und Mr. Buchanan selbst schien Josephine immer einen Schritt voraus zu sein.

Nun, wenn man vom Teufel sprach. Während sie gerade in Gedanken versunken in Richtung der großen Treppe schlenderte, die in den Eingangsbereich führte, sah sie, unverkennbar seine Silhouette, er kam aus dem Teezimmer und reichte ihrem Vater die Hand. Setzten die sich dort öfter zusammen? Ging es in ihren Gesprächen um sie? Josephine wurde unwohl bei dem Gedanken.

Noch unwohler fühlte sie sich, als ihr wieder einfiel, wie sie gekleidet war. Hastig drehte sie sich um und versuchte ihr üppig hochgedrücktes Dekolletee in das Kleid zurückzustopfen. Nun plötzlich bereute sie doch, das Korsett noch enger geschnürt zu haben. Am Peinlichsten daran fand sie, dass er sie zu ihrem Leidwesen bereits mehr als nur einmal nackt gesehen hatte und ja wusste, dass da bei ihr nicht so viel war wie ihr Ausschnitt heute weismachte.

„Josephine, guten Abend“, hörte sie ihn da schon vergnügt hinter sich sagen. Zähneknirschend drehte sie sich um. Gerade war sie so wütend auf ihn, was wiederum gefährlich für sie selbst war.

„Meine Güte, du bist aber herausgeputzt, was hast du denn heute noch vor?“

„Ich gehe auf die Geburtstagsfeier bei meiner Freundin Lottie, das hatten Sie mir doch erlaubt.“ Na schön, sie hatte ihn vor vier Wochen gefragt, ob sie hingehen könne wenn der Arrest vorüber sei und er hatte unter der Voraussetzung zugestimmt, dass der Stubenarrest nicht aus irgendwelchen Gründen verlängert werden müsste. Seitdem hatte sie es nicht mehr erwähnt, weil sie sich genau erinnerte, womit er nach der ersten Behandlung mit den Brennesseln gedroht hatte. Sie wollte heute einfach nicht mit diesem fiesen Jucken zwischen den Beinen auf die Feier gehen, sie wollte tanzen und Spaß haben.

„Richtig. Dass das heute ist hast du mir allerdings verschwiegen. Da bin ich ja froh, dass wir noch einmal aufeinander getroffen sind, Josephine.“

„Alice’s Mutter hasst mich!“, platzte nun einfach aus ihr heraus, bevor er überhaupt auf die Idee kommen konnte, weiterzureden oder den nächsten Befehl folgen zu lassen. Sie war gerade ohnehin wütend auf ihn und er sollte ihr nicht auch noch den Abend verderben.

„Wie kommst du zu dieser Erkenntnis?“, fragte er in einem ruhigen Ton. Irgendwie war es schwer, ihm Vorwürfe an den Kopf zu werfen wenn er so bedacht mit ihr sprach.

„Sie will Alice fortschicken, verheiraten lassen…. nennt MICH einen schlechten Einfluss. Sie war richtig wütend, so hat sie noch nie mit mir gesprochen.“

„Hast du dich entschuldigt?“, wollte Mr. Buchanan nun wissen. Wenigstens drückte er ihr gerade keinen Spruch in die Richtung, dass sie wirklich ein schlechter Einfluss war.

„Ja, ich habe es versucht aber sie wollte es nicht hören. Ich will nicht, dass Alice geht und Alice will das auch nicht! Wir sind beste Freundinnen, ich brauch sie hier bei mir…“

„Lass mich darüber nachdenken“, erwiderte er schlicht. Was meinte er denn jetzt damit? Sie sah ihn nun erwartungsvoll an, aber mehr sagte er fürs erste nicht.

„Wir sollten uns jetzt beeilen, du willst doch nicht zu spät zu deiner Feier kommen.“ Mr. Buchanan nickte in Richtung Treppe. Josephine überlegte krampfhaft, ob sie die Naive spielen und so tun wollte, als wüsste sie nicht, womit er sich beeilen wollte, aber ihr ängstlicher Blick sprach gerade ohnehin Bände.

„Bitte, Sir, das muss wirklich nicht sein. Ich verspreche, ich werde mich anständig benehmen. Wenn wir jetzt in die Stallungen gehen wird mein schönes Kleid schmutzig und ich will heute Abend richtig tanzen. Heute ist doch endlich mein Arrest vorbei. Und im Unterricht mussten Sie mich kein einziges Mal bestrafen!“

„Jetzt weiß ich auch warum nicht“, legte er den Kopf etwas schief. „Die Aussicht auf ein Fest gibt dir dann wohl plötzlich die nötige Motivation zum richtigen Benehmen. Nein Josephine, ich vertraue dir nicht genug, um dich einfach so loszuschicken. Vor allem nicht in diesem Aufzug.“

„Ich lege mir noch ein Tuch über die Schultern!“, sprach sie schnell. Er schüttelte den Kopf, unbeeindruckt von ihrem flehenden Blick.

„Dann kommen Sie eben mit!“ Der Satz verließ schneller ihre Lippen als ihr Gehirn darüber nachdenken konnte. Plötzlich schien er sehr interessiert.

„Das ist kein schlechter Vorschlag. Wenn ich dich im Blick habe, wirst du mir noch am wenigsten Unfug anstellen.“

„Ich meine… eigentlich ist es wenn man es recht bedenkt eine Zumutung“, murmelte nun Josephine unbehaglich. Wenn sie anfing darüber nachzudenken, hielt sie ihren eigenen Vorschlag für katastrophal. Wie sollte ihr Abend denn entspannt und genießbar werden, wenn dieser superstrenge Kerl ständig einen Blick auf sie hatte? Noch dazu wäre es absolut blamabel, mit ihm dort aufzutauchen.

„Immerhin haben Sie längst Feierabend, zuhause könnten Sie Pfeife rauchen, die Füße hochlegen…“

„Ich rauche nicht. Abgesehen davon, das lass nur meine Sorge sein“, erwiderte er gelassen. „Aber ich lasse dir heute die Wahl. Ich komme mit oder du gehst alleine, aber dann wirst du mir zuvor ein Büschel Brennesseln pflücken… und wenn ichs recht bedenke könnten auch ein paar präventive Hiebe hintendrauf nicht schaden.“

Sie schnappte nach Luft. „Ein paar Hiebe“ von ihm schmerzten sicher genug um ihren Po den ganzen Abend glühen zu lassen, genau das was sie hatte vermeiden wollen. Wie gemein! Da hatte er ihr ja gekonnt die Pistole auf die Brust gesetzt.

„Also schön“, murrte sie missgestimmt. Er wusste ihr aber auch jeden Spaß zu verderben. Wäre er doch bloß schon heim gefahren! „Dann kommen Sie eben mit… Sir.“, setzte sie lieber noch hintendran, damit ihre missmutige Stimmlage nicht noch als frech geahndet wurde.

„Wie nett“, befand er und machte dann eine ausladende Geste, damit sie vor ihm die Treppe herunter ging. Die ganze Zeit über spielte sie mit dem Gedanken, ihm ein Bein zu stellen, aber dann wäre der Abend wohl wirklich gelaufen.

Sie nahm sich von der Garderobe eine Stola und legte sie um. Ihm gegenüber in der Kutsche mit halb entblößtem Busen zu sitzen wäre sicher keine gute Idee, wenn sie sich als züchtige junge Dame verkaufen wollte. Vielleicht würde er heute Abend auch sehen wie anständig sie war und sie in Zukunft vor fiesen Strafen verschonen. Immerhin hatte Josephine tatsächlich nicht vor, irgendeine Dummheit anzustellen. Die schmerzlich verabreichte Lektion, gepaart mit den schrecklichen Erinnerungen an Peter halfen wirklich beim Verzicht.

Die Kutschfahrt war gar nicht so furchtbar wie zunächst erwartet. Er schien gelassen und stellte ihr die eine oder andere Frage zu ihrer Freundin Lottie, sie antwortete und erzählte ihm dies und das. Frei sprechen zu können und nicht nur wenn man sie dazu aufforderte, erleichterte den Redefluss hier erheblich. Josephine schaffte es sogar, sich selbst für den Moment zu entspannen. So lange jedoch nur, bis die Kutsche vor dem Haus der Thurgoods anhielt. In diesem Moment wurde ihr wieder deutlich bewusst, dass das hier wirklich peinlich werden würde. Alle ihre Freunde waren auf der Feier und sie kreuzte mit ihrem Lehrer auf. Gerade jetzt wäre sie am liebsten wieder umgekehrt. Der Kutscher öffnete ihr nun jedoch schon die Tür und einer der Butler half ihr beim Aussteigen.

„Guten Abend, Miss Abbott, guten Abend, Sir.“

„Das ist Mr. Buchanan, mein… Privatlehrer“; knirschte Josephine. „Könnten sie uns wohl ankündigen?“

„Sehr wohl, Miss.“ Der Butler verneigte sich und betrat dann das Haus, bedeutete ihnen im nächsten Moment auch schon, einzutreten. Josephine war inzwischen richtig übel. Mr. Buchanan neben ihr schien nicht einmal einen Hauch verunsichert, dabei kreuzte er ohne Einladung auf einer Feier von fremden Leuten auf. Beinahe schon bewundernswert, dieses Selbstbewusstsein.

„Sie lebt noch! Auferstanden von den Toten, ein Wunder ist geschehen!“ Mit diesen Worten eilte die Gastgeberin in ihrem ausladenden, zitronengelben Kleid auf Josephine zu und drückte sie fest an sich. Ihr schwarzes Haar war in perfekte Korkenzieherlocken gedreht und ein ebenfalls gelber Haarschmuck zierte ihre aufgesteckte Frisur. Sie war nur ein wenig größer als Josephine (was nun wirklich keine Kunst war) und trug ihren üppigen Busen durch das tief sitzend Kleid ungeniert zur Schau.

Josephine war dieses Getue beinahe ein bisschen unangenehm, also schön, sie war die letzten Wochen logischerweise auf keiner der Feiern gewesen aber so lange waren fünf Wochen ja nun auch wieder nicht. Auch wenn sie ihr selbst wie ein halbes Jahrhundert vorgekommen waren.

Sie lächelte nun dennoch. „Alles Liebe zum Geburtstag, Lottie. Oh, dein Geschenk ist noch in der Kutsche.“

Angesprochene schien gar nicht mehr zuzuhören, denn sie starrte stattdessen unverhohlen Mr. Buchanan an. Sofort füllte ein komisches Gefühl Josephines Magengegend. Sie mochte diesen Blick ihrer Freundin gar nicht.

„Guten Abend der Herr, wir sind einander aber noch nicht bekannt gemacht worden“; säuselte Lottie und hielt kokett ihre Hand für einen Handkuss hin. Das war so unangenehm dass Josephine gar nicht wusste, wohin mit sich. Mr. Buchanan, der Handküsse gab klang ähnlich wahrscheinlich wie Schnee im Juli. Tatsächlich nahm er angebotene Hand nur für ein kräftiges Händeschütteln entgegen, was Lottie sichtlich pikierte.

„Guten Abend, Miss Thurgood, richtig? Buchanan mein Name, ich bin heute Abend Miss Abbotts Begleitung. Auch von meiner Seite die besten Glückwünsche.“

„Oh“; brachte Lottie nur heraus und sah wieder zu Josephine, nun schon mit einem ‚Was hast du getan?‘-Blick. Josephine sah nur entschuldigend zu ihr zurück.

„Ja, vielen Dank dafür, Sir. Ich dürfte mir doch an meinem heutigen Freudentag das Privileg erlauben, meine gute Freundin zu entführen.“ Lottie hakte sich nun direkt bei Josephine ein. „Sie bedienen sich derweil gerne, Ihnen sollte bei uns an nichts fehlen.“

„Geh nicht zu weit weg, ich will dich sehen können“, erklärte Mr. Buchanan Josephine in dem selben Ton, in dem er auch sonst mit ihr sprach, während Lottie sie bereits von ihm weg zog. Josephine nickte stumm und schämte sich jetzt schon ordentlich, allerdings wusste sie gar nicht so recht ob für sich selbst, seine bloße Anwesenheit hier oder ihre Freundin.

„Phine, spinnst du?!“, wisperte Lottie ihr zu als sie außer Hörweite waren. „Wieso zum Geier bringst du denn diesen Buchanan mit hierher? Ich habe mit den größten Überredungskünsten der Welt meine Eltern vom Hals bekommen und du schleifst deinen Anstandswauwau hier rein.“

„Meinst du, das war meine Idee?!, zischte Josephine. Also streng genommen war sie das ja, aber das konnte sie Lottie ebensowenig erzählen wie die Wahl, vor die er sie gestellt hatte also behauptete sie einfach „Er hätte mich sonst nicht gehen lassen. Ich hatte dir in dem Brief doch von meinem Stubenarrest geschrieben.“

„Ja, ja“, murmelte Lottie sichtlich missgestimmt. „Wenigstens ein Gutes hat die Sache. Ich habe ja schon viel von ihm gehört, diesem Buchanan. Aber dass er so gut aussieht, das hat bisher jeder in seinen Erzählungen vergessen zu erwähnen. Was für ein hübscher Mann!“

„Ja, ich weiß“, knirschte Josephine. „Ich meine, das ist mein Lehrer! Ich meine, Lottie, du bist wirklich unmöglich!“

„Wieso denn? Sag bloß du hast das bisher nicht bemerkt. Du hast doch Augen im Kopf.“

„Ich weiß nicht. Ich war bisher zu beschäftigt damit, von ihm verprügelt zu werden“, gab Josephine missmutig zur Antwort. Auch eine Lüge, aber dass er ihr mehr als nur ein wenig gefiel und sie es gar nicht mochte, wenn Lottie so über ihn sprach, wollte sie dann doch besser für sich behalten.

„Wirklich? Also hast du gar nicht versucht, ihn dir zu schnappen? Na dann kann ich ja mein Glück versuchen“, sprach Lottie leichthin.

„Nein!“, erwiderte Josephine so heftig dass ihre Freundin sie ganz erstaunt ansah. Sie spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. „Wenn du das tust, lässt er es am Ende nur an mir aus. Außerdem ist er für so etwas gar nicht empfänglich.“

Ein schmutziges Grinsen, das Josephine so gar nicht gefallen wollte, umspielte mit einem Mal die Lippen von Lottie.

„Er gefällt dir doch, das merke ich ganz eindeutig. So eifersüchtig wie du bist… “

„Er gefällt mir nicht!“, warf Josephine eilig ein. Auf Lotties skeptischen Blick hin erklärte sie „Ich hasse ihn! Er ist brutal und gemein und wegen ihm wird Alice fortgeschickt.“

„Alice, dein Stubenmädchen? Ach meine Güte, Josephine, ich kann dir eine ganze Liste neuer guter Mädchen an die Hand geben.“

Josephine biss sich auf die Lippe. Vor Lottie konnte sie nicht zugeben, wie eng Alice und sie eigentlich befreundet waren. Als sie es mal angeschnitten hatte, war deren Haltung mehr als ablehnend gewesen.

„Also du hasst ihn, aber stehst auf ihn?“

„Ich wünschte, ich wüsste, wie ich ihn loswerde“, sprach Josephine trotzig, während sie von weitem sah, dass Besprochener sie beobachtete.

Zugegebenermaßen würde es schon eine Lücke hinterlassen, wenn er ginge. Sie hatte sie ihn schätzen gelernt, trotz all der Härte, mit der er sie erzog. Er war klug und kultiviert, er konnte unglaublich gut erklären und Geschichten und Anekdoten, mit denen er den Unterricht füllte, waren derart spannend, dass man nicht anders konnte als dabei an seinen Lippen zu hängen. Sie versuchte es auf den Mangel an alternativen Beschäftigungen in den letzten vier Wochen zu schieben. Ja, er war ja im Grunde der einzige Mensch gewesen, mit dem sie überhaupt so etwas wie Konversation hätte betreiben können. Das war ganz sicher der einzige Grund, warum sie diesen wachsenden Hauch Sympathie empfand.

„Na warum dann nicht das Nützliche mit dem Spaßigen verbinden? Phine, ich habe da denke ich genau die passende Lösung für all deine Probleme.“

Fortsetzung folgt…

5 Kommentare zu „11. Die Geburtstagsfeier (Der Privatlehrer)

  1. Hallo Autorin, du bist wirklich auf
    Diät. Erst in der letzten Episode
    Keine Haue für Josie und jetzt
    bleiben die nackten Hintern von
    Josephine und Alice ebenso verschont.
    Ich hoffe, das wird nicht zum
    Dauerzustand bei dir.
    Das, was ich vermisse,
    Ist das Salz in der Suppe bei
    beiden Erzählungen. Ich hoffe sehr.
    dass hoffentlich schon in der
    nächsten Folge sowohl Onkel Jeff
    als auch Mr. Buchanan wieder
    den Rohrstock schwingen…

    Lorenzen

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  2. Ach, mir fallen noch zwei Dinge ein.
    Martha will für ihre Tochter Alice
    einen Mann suchen. Hoffentlich findet
    sie jemanden, der mit Alice nackten
    Hintern genau so energisch umgeht
    wie sie selbst. Vielleicht muss der
    Mann noch gegenüber seiner
    Zukünftigen Schwiegermutter ein
    Gesellenstück ablegen.
    Und da ist noch die schöne Lottie.
    Mich würde es sehr freuen, wenn
    Mr.Buchanan sich auch um deren
    Hinterteil kümmern würde.
    Ich weiß auch noch nicht, wie er
    hier herankommen soll. Mir würde
    es am besten gefallen, wenn Lottie
    und ihre Freundin die Gebote der
    Sittlichkeit nicht so ernst nehmen
    würden und beide sowohl die
    Reitgerte als auch die Brennesseln
    spüren würden…

    Lorenzen

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