39. Beistand (Der Privatlehrer)

a/n: So, die Handlung geht wieder stetig voran und ich bin gespannt, wie es euch gefällt.

“Miss Abbott? Sie dürfen nun zu Ihrem Vater.“ Eine Krankenschwester in weißer Tracht, die ihr entgegen lächelte wie ein Engel, riss Josephine aus ihren Gedanken. Sie löste sich langsam aus Johns Umarmung. Bestimmt zwei Stunden hatten sie so verbracht, kaum ein Wort sagend, ineinander verschlungen. Sie gab es ungerne zu, aber es fühlte sich an, als hätte sie so endlich ein wenig Kraft tanken können.

Josephine erhob sich von dem Stuhl, John tat es ihr gleich.

“Du willst sicher erst einmal alleine mit ihm sein. Ich warte hier, hm?”

Sie nickte. Tatsächlich war das genau das, was sie gerade wollte.

“Also gut, falls es sich anbieten sollte und er nicht zu schwach ist, hole ich dich nach, damit ihr euch ebenfalls sehen könnt”, bot nun Josephine an. John drückte noch einmal ihre Hand.

“Wenn es möglich sein sollte, wäre es mir eine Ehre”, erklärte er. Sie musste sich ein Lächeln verkneifen und nickte, löste ihre Hand aus seinem Griff und folgte der Krankenschwester. 

Dabei hatte sie wirklich Angst, ihren Vater zu sehen. War er überhaupt richtig ansprechbar? Sie wusste nicht, was Docteur Bénin mit “die rosa Kaninchen sehen” genau hatte andeuten wollen, aber sie befürchtete einen wirren Geist. Also betrat sie nur äußerst zögerlich das Krankenzimmer. 

Das Bett ihres Vaters stand einsam in einem großen Raum. Josephine war sich sicher, dass nicht jedem Patienten eine derart komfortable Unterkunft geboten wurde, aber das sollte ihr nur Recht sein. Geld spielte für sie keine Rolle, wenn es um die Gesundheit ihres Vaters ging. 

Behutsamen Schrittes näherte sie sich ihm, die Schwester preschte indes an ihr vorbei. Sie überprüfte die Infusion und sprach dann sanft “Sir, Ihre Tochter ist hier.”

“Hey Daddy”, flüsterte Josephine. Sie nahm auf dem Stuhl Platz, den man neben dem Krankenbett für sie bereit gestellt hatte. Ihr Vater drehte den Kopf. Er sah fahl und erschöpft aus, schlimmer denn je. Sie schluckte, kämpfte mit aller Kraft gegen die Tränen. 

“Mein Engel”, säuselte er. Seine Stimme klang belegt. 

“Wie fühlst du dich?”, fragte sie und legte behutsam ihre Hand auf seine. Seine Haut war weich und vom Alter gezeichnet. Überhaupt wirkte er auf sie, als wäre er in den letzten paar Wochen um ein paar Jahre gealtert. 

“Ein wenig erschöpft”, war alles, was er einzuräumen bereit war. 

“Du musst jetzt stark bleiben, Daddy, hörst du?”, redete Josephine verschwörerisch. “Docteur Bénin sagte, dass er dir das Geschwür entfernen konnte. Alles, was du jetzt noch tun musst, ist wieder zu Kräften zu kommen.”

“Ich werde mein bestes geben, dir dahingehend zu gehorchen, mein Kind”, flüsterte ihr Vater. Sie nickte und sah ihn eindringlich an. 

“Versprich es mir!”

Er hob seine Hand, sie zitterte ein wenig und legte sie an ihre Wange. Nun konnte sie die Tränen nicht länger bekämpfen, sie trübten ihre Sicht und seine nächsten Worte brachten sie zum Fließen. 

“Du weißt doch, meine geliebte kleine Tochter… dir einen Wunsch abzuschlagen war noch nie meine Stärke.”

Sie nickte wehmütig. “Ich weiß. Und ich danke dir dafür von Herzen. Du bist der beste Vater, den ich mir jemals hätte wünschen können.”

Er lächelte ihr liebevoll, wenn auch schwach entgegen und streichelte weiter ihre Wange. Sie legte ihre Hand auf seine und schloss kurz die Augen, genoss diesen kleinen, innigen Moment zwischen ihnen in vollen Zügen. 

Nach einigem Durchatmen fasste sie sich wieder. Sie wusste nicht, wie lange man ihr erlauben würde, hier zu sein. Der Docteur schien dahingehend seine ganz eigenen Vorstellungen durchsetzen zu wollen. 

“Daddy… es ist noch jemand hier, der dich sehen möchte. Ich habe Mr. Buchanan aus Schottland anreisen lassen. Als er hörte, dass…. du geschwächt bist, ist er schnellstmöglich hergekommen.”

“Oh, wirklich?”, erwiderte ihr Vater überrascht. “Sicher wird er sich auch gefreut haben, dich wiederzusehen, nicht?”

Josephine spürte, wie sie ein wenig rot um die Nase wurde. Eiskalt erwischt. So blauäugig, wie sie ihren Vater eingeschätzt hatte, war er der ganzen Sache gegenüber letztendlich wohl gar nicht gewesen. 

“Das tut jetzt erst mal nichts zur Sache!”, stellte sie direkt klar. “Also, soll ich ihn herein holen oder wäre es dir ein andermal lieber?”

“Da ich augenblicklich wohl nicht weiß, ob es dieses andere Mal geben wird…”, erwiderte ihr Vater erstaunlich profan.

“Daddy!”, rief Josephine empört dazwischen. “So darfst du nicht reden, hörst du?!” 

“Ja, ja, na sicher, mein liebes Kind. Nun hol ihn schon herein.”

Sie blickte ihn noch einmal strafend an, dann ging sie zur Tür und bedeutete John, der wieder auf einem der Stühle im Wartebereich Platz genommen hatte, zu ihr zu kommen.

Augenblicklich sprang er auf und erreichte sie im Stechschritt.

“Wie geht es ihm?”, flüsterte er und sah besorgt in ihr verweintes Gesicht.

“Den Umständen entsprechend, schätze ich”, erwiderte Josephine leise. Sie kniff eines ihrer Augen zu, als er ihr behutsam mit dem Saum seines Ärmels übers nass geweinte Gesicht strich. “Mhm er will dich gerne sehen”, ergänzte sie noch und sah dann zu, wie John ebenfalls zum Krankenbett ging.

“Mr. Abbott. Es freut mich, Sie zu sehen, wenn es auch unter diesen schrecklichen Umständen ist.”

Angesprochener lächelte ein wenig. “Mr. Buchanan. Das nenne ich eine Überraschung.”

“Für mich kam die Nachricht nicht weniger unerwartet”, versicherte John. 

“Bitte, setzen Sie sich doch.” Ganz der Hausherr wies ihr Vater auf den Stuhl vor dem Bett und John kam diesem Angebot nach. 

“Wie ist es Ihnen ergangen, Mr. Buchanan? Ich hoffe doch, Sie konnten sich in Schottland gut einleben.”

Josephine seufzte. Es war so typisch für ihren Vater, selbst in dieser Situation seine guten Manieren zu wahren und vor allem mehr interessiert an dem Schicksal der Menschen um sich herum als an seinem eigenen zu sein. Sie hoffte nur, diese Selbstlosigkeit würde ihm nicht zum Verhängnis werden. 

“Ich habe eine gute Anstellung bei der Familie Forsyth gefunden, bei der ich vor einigen Jahren schon einmal arbeitete. Doch ich habe stets mit einem weinenden Auge in die Vergangenheit auf Ihrem Gutshof geblickt. Ich kann nur immer wieder feststellen, es war eine mehr als bereichernde Zeit für mich”, erklärte John. Wie diplomatisch ausgedrückt, dachte Josephine schnaubend und verschränkte die Arme vor der Brust. 

“Und sind Sie in dieser Zeit sesshaft geworden, Mr. Buchanan?“ 

Also entweder ließ die Narkose langsam nach und ihr Vater wurde darum so lebhaft und stellte dermaßen unpassende Fragen oder das waren die benannten Kaninchen, die ihn das gerade für ein wichtiges Gesprächsthema halten ließen! 

„Wieso sollte das gerade jetzt…“, setzte Josephine an, als John auch schon antwortete. „Nein, Sir. Wie bereits erwähnt, ich hänge an den Dingen, die ich hier hinter mir gelassen habe, schätze ich.“

Josephine glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. Verpasste sie da was oder machten die beiden sich gerade gegenseitig klar, dass Johns und ihre potentielle Beziehung kein großes Geheimnis gewesen war? So hatte sie sich deren Wiedersehen aber nicht vorgestellt!

„Das ist doch schön zu hören. Hast du es mitbekommen, mein Schätzchen? Mr. Buchanan ist noch immer ungebunden.“

Josephine schluckte gerade so ein „Ja, ich bin ja nicht taub“ herunter. Ebenso wie die Information, dass sie es im Gegenzug aber nicht war. Nicht zu fassen! Hatte ihr Dad das überhaupt ernst genommen, als sie ihm Everett vorgestellt hatte? Oder sollte sie das unter geistiger Umnachtung durch die Narkosemittel verbuchen? Aber gerade war es wirklich kein guter Moment, um John mit dieser neuen Information zu konfrontieren. Also sagte sie nur „Ja, das weiß ich, Daddy. Er schrieb es mir.“ 

„Wie schön“, sprach ihr Dad und schien erleichtert. „Dann kann ich Ihnen guten Gewissens das Versprechen abnehmen, für meine Kleine zu sorgen, wenn ich es nicht länger kann.“ 

„Du sollst nicht ständig den Teufel an die Wand malen!“, schimpfte Josephine nun wieder. 

„Josephine hat Recht. Ich wette, Sie werden noch lange Zeit selbst dazu in der Lage sein, Sir“, erwiderte John freundlich. „Aber sollte Ihre Tochter sich dazu entscheiden, mich zu lassen, werde ich nach bestem Wissen und Gewissen für sie sorgen.“ 

Na klasse, dachte Josephine. Jetzt hing also alles ganz offiziell an ihr. Das war zwar, was sie gewollt hatte, aber dennoch… 

“Dafür müsste schon eine Menge geschehen”, erwiderte Josephine betont kühl.

“Schätzchen, nun sei doch nicht so. Immerhin hat er dir so sehr gefehlt”, schien ihr Vater ihr zu denken geben zu wollen. Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Aber sie wollte an seinem Krankenbett nicht mit ihm diskutieren, also schluckte sie jeden weiteren Kommentar herunter.

“Und ich bin sicher, Sie werden auch ausgezeichnet über meinen Gutshof wachen, Mr. Buchanan. Meine Josephine ist so eine kluge junge Frau, aber ich schätze, es liegt nicht in ihrer Natur, sich mit diesen Dingen zu befassen. Und in der ihres Liebhabers ebensowenig.”

“Er… was?!” Josephine wurde knallrot. Dabei gab es nun wirklich keinen Grund. Sie war John ja wohl nicht schuldig, keine neue Beziehung anzufangen. Dennoch nagte ihr Gewissen an ihr, als er sie ansah. Lächerlich! “Daddy, er ist mehr als nur mein Liebhaber.”

“Er ist ein Freigeist. Er wird nicht sesshaft werden, unser schönes Zuhause womöglich bei der erst bietenden Gelegenheit verkaufen. Ich traue ihm in dieser Hinsicht, nicht Kindchen. Er muss es nicht einmal aus niederen Absichten tun, ich schätze, er ist einfach so.”

“Das… das weißt du doch überhaupt nicht!”, wehrte Josephine ab, auch wenn sie gar nicht so sicher war, ob ihr Vater Everett da nicht ganz treffend beschrieben hatte. 

“Lasst uns jetzt nicht über diese Dinge diskutieren”, wandte John mit ruhiger Stimme ein. “Mr. Abbott, Sie werden gesund und sie werden uns noch lange erhalten bleiben. Sorgen Sie sich nicht.”

“Ach… ich bin alt und krank. Selbst wenn ich wieder nach Hause kommen sollte, bin ich wirklich seit langer Zeit schon bereit für den Ruhestand. Ich möchte mein Hab und Gut in sicheren Händen wissen und dass es meinem Töchterchen UND meinem Personal an nichts fehlt.”

“Ich verspreche, Josephine dabei zu unterstützen”, sprach John. “Einverstanden?” Er sah Josephine nun direkt an. Sie war durchaus überrumpelt. Allerdings sah die Realität so aus, dass sie nur wenige Male in die Verwaltungsbücher geschaut und sie dann schnell wieder beiseite gelegt hatte. Zahlen und Buchhaltung waren wir einfach zuwider. Sie konnte womöglich Hilfe gebrauchen.

“Du kannst mir helfen, einen seriösen Buchhalter zu finden”, erklärte sie großmütig.

John schmunzelte. “Abgemacht. Also begleite ich dich nach Hause.”

“Das…”, setzte Josephine an, schluckte dann aber und schwieg. Sie wollte ja widersprechen. Aber wenn er ihr wirklich nur ein wenig half, würde das ja in Ordnung gehen und bedeutete nichts weiter. Oder?

„Das dürfte wohl gehen“, sprach sie dann ein wenig nasal und John erwiderte das mit einem amüsierten Lächeln. 

„Schön, mein Schatz“, sagte ihr Vater mit schwacher Stimme. „Wenn ich das so höre… kann ich durchatmen.“ Seine Augenlider schienen ihm schwer zu werden. 

„Aber du lässt dich bloß nicht zu sehr gehen!“, rief Josephine alarmiert und packte seine Hand. Mit aller Kraft öffnete ihr Vater die Augen wieder. 

„Ich würde es nicht wagen. Ich bin nur… ein wenig müde.“

John legte die Hand auf Josephines Schulter. „Wir sollten deinem Vater jetzt die nötige Ruhe gönnen, hm?“ 

„Also gut“, murmelte Josephine widerwillig. Sie erhob sich vom Stuhl, um sich noch einmal über ihren Dad zu beugen und seine Stirn zu küssen. „Ich besuche dich morgen wieder. Du musst schnell gesund werden, dann können wir bald zurück nach Hause.“ 

„Ja, Liebling. Sorg dich bloß nicht zu sehr um mich“, sprach ihr Vater leise.

„Das ist schwer“, seufzte Josephine. „Bis morgen, Daddy.“

Sie verließ das Zimmer und hakte sich dabei bei John ein, der ihr den Arm anbot. 

„Hast du schon einmal den Hyde Park besucht?“, fragte er sie. „Er ist nicht weit von hier.“

Josephine sah zu ihm auf und musste trotz der schrecklichen Situation ein wenig lächeln. 

„Ja, einige Male schon. Es ist ja nicht gerade ein selten besuchter Ort in London.“ 

„Dann kannst du mir ja alles zeigen“, sprach John mit einem aufmunternden Lächeln. Josephine spürte, wie etwas in ihrem Bauch zu kribbeln begann. Verdammt, das war gar nicht gut. Andererseits konnte sie auch nicht anders, als sich gerührt zu fühlen. John wusste nun alles. Sowohl von ihren Männerbekanntschaften als auch von ihrer Beziehung mit einem potenziell zwielichtigen Kerl. Und er verhielt sich ihr gegenüber kein bisschen anders als zuvor. Er war nicht abgeschreckt. Das imponierte ihr schon. 

„Na schön“, sprach sie also. „Dann spiele ich eben die Fremdenführerin für dich. Stammt aus England und muss den Hyde Park erklärt bekommen. Die Highlands dagegen kennst du dann aber wie deine Westentasche, huh?“

„Lass das bloß niemanden wissen“, erwiderte John gespielt verschwörerisch. „Aber ja, so ist es.“ 

Josephine kicherte. Sie war wirklich froh, dass John sie so ablenkte, während er sie aus dem Krankenhaus lotste.


Der Parkbesuch verlief denkbar harmonisch. Die meiste Zeit sprach sie und John hörte zu. Sie erzählte Anekdoten aus ihrer Kindheit und Jugend, die die Gutmütigkeit ihres Vaters unterstrichen und vielleicht auch die eine oder andere Geschichte, die im Grunde nur danach schrie, dass man als Zuhörer sagen würde „Dafür hättest du dir einen Hintern voll aber redlich verdient.“ John schwieg stattdessen, aber der eine oder andere Seitenblick von ihm sprach durchaus Bände. Und sie lächelte immer wieder verstohlen und kam nicht umhin, sich in seiner Gegenwart einfach nur gelöst und wohl zu fühlen. Das war etwas, das kein Mann in all der Zeit in ihr ausgelöst hatte. Es fühlte sich an, als würde er sie sehen, wie sie wirklich war und nicht nur als Lustobjekt oder Biest. Seine Worte in dem Brief hatten sie durchaus gerührt, aber seine Gegenwart ließ sie erst richtig spüren, wie er von Herzen für sie da war. 

Schließlich bestiegen sie die Kutsche und ließen sich zurück zum Haus von Docteur Bénin fahren. Der Butler begrüßte sie höflich, aber distanziert, bis John einige Worte auf Französisch mit ihm wechselte.

„Gehen Sie in den Salon, si’l vous plait. Das Dinner wird bald bereitet sein“, erklärte er ihnen beiden und Josephine nickte. 

„Merci“ sprach sie und betrat gemeinsam mit John das entsprechende Zimmer. 

„Von deinem Französischunterricht ist tatsächlich nicht mehr als das hängen geblieben, ist es nicht so?“, neckte John sie.

„Nachdem ich gewisse Personen kennengelernt habe, war meine Motivation, in dieser Sprache zu sprechen nicht mehr sonderlich gegeben“, erwiderte Josephine als Spitze und brachte ihn somit zum Schweigen.

„Mademoiselle Abbott, Monsieur Buchanan, einen schönen guten Abend!“ Der Doktor trat ihnen entgegen, gab Josephine einen Kuss rechts und links und schüttelte Johns Hand. „Es freut mich, dass wir zusammen kommen. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Monsieur, ein Liqueur für sie? Oder ein Brandy?“

„Danke, aber besser nicht“, wehrte John höflich ab. 

„Ich nehme dafür gerne einen Aperitif“, erklärte Josephine. „Einen Cognac bitte.“

„So eine junge Dame wie Sie trinkt solche Sachen? Nun gut, bedienen Sie sich gerne an der Hausbar.“ 

Josephine spürte mit einer gewissen Genugtuung Johns Blick im Nacken, als sie an die Bar heran trat und sich zunächst mit der Zange Eiswürfel in das Glas gab und dann die bernsteinfarbene Flüssigkeit nachgoss.

„Es gibt viele Frauen, die einen guten Schluck zu schätzen wissen, Dr. Bénin. Nur die wenigsten geben es vor der Herrenwelt gerne zu. Trinken Sie mit mir?“ 

„Gerne“, nickte der Arzt und sie machte auch ihm das Glas zurecht. „Cheers“, sprach sie und stieß mit ihm an, nahm einen großen Schluck, ohne mit der Wimper zu zucken. 

„Setzen wir uns doch. Die Horsd’œuvre werden gleich gereicht.“ 

Dr. Bénin wies zur Dinnertafel hin und Josephine nahm neben John, gegenüber des Gastgebers Platz. Er lächelte beiden entgegen.

„Schön, dass wir nun hier gemeinsam sitzen, nicht? Nach all den Ereignissen.“

„Ich hoffe, mein Vater wird schnell gesund“, murmelte Josephine besorgt und nahm noch einen Schluck. 

„Langsam“, mahnte John leise. Sie schielte zu ihm herüber. So richtig konnte er es wohl nicht lassen, was?

„Ihr Besuch schien ihm gut getan zu haben. Als ich nach ihm sah, war er ganz aufgeweckt“, erwiderte der Doktor lächelnd.

„Das freut mich zu hören. Am liebsten wäre ich Tag und Nacht bei ihm“, seufzte Josephine. 

„Das weiß sicher niemand besser als er, Mademoiselle. Sehr vernünftig, dass sie ihm die Ruhe geben, die er braucht.“ Die Vorspeise wurde serviert, jeder bekam einige kleine Happen auf einem riesigen Teller vor sich gestellt.

„Bon Appetit“, wünschte Dr. Bénin und begann sogleich zu essen. Auch Josephine nahm einen Bissen. Es war köstlich. 

„Aber viel lieber als über die Gesundung Ihres Vaters würde ich doch mit Ihnen beiden über meine Ehefrau sprechen.“ 

„Ihre Ehefrau?“, wiederholte John. „Werden wir Sie noch kennenlernen?“ 

Der Arzt hob eine Braue und wandte sich an Josephine.“Sie haben es ihm nicht erzählt?“

„Es bot sich nicht wirklich die Gelegenheit“, erwiderte Josephine entschuldigend. „Und obendrein, ich spreche aus gewissen Gründen nicht gerne über sie. Vor allem nicht mit John.“

„Einen Augenblick…“, sagte John leise. Ihm schien gerade ein Licht aufzugehen. „Ihre Ehefrau ist doch nicht etwa Natalie?“ 

„Sie hat diesen Kontakt überhaupt erst vermittelt“, erklärte Josephine, wenn auch mit Widerwillen. „Sie wollte etwas wiedergutmachen. Wie auch immer das gehen soll.“

„Natalie ist also tatsächlich verheiratet?“ John wirkte sichtlich erstaunt. „Und wo befindet sie sich gerade?“ 

„Das weiß ich nicht so genau. Sie braucht viele Freiheiten, wissen Sie. Und ich werde den Teufel tun, ihr diese nicht zu geben.“

„Sie hat mich auf meinem Hof überfallen und Dr. Bénin mitgebracht. Der ursprüngliche Plan war, gemeinsam hierher zu reisen. Doch am Tag der Abreise tauchte sie nicht auf“, erzählte Josephine nun John.

„Ich denke, sie hatte klare Gründe dafür“, erklärte der Arzt, er schien die Ruhe selbst zu sein. 

„Von Laperte zu Bénin… na wenn das mal kein Witz ist“, fand John. 

„Wissen Sie, viele Leute denken sich ihren Teil zu unserer Ehe, das ist mir nur allzu bewusst“, sprach nun Bénin. 

Unter anderem Natalie selbst, die ja vor ihr zugegeben hatte, ihren Ehemann nur des Geldes wegen geheiratet zu haben, dachte Josephine im Stillen dazu.

„Natalie tut zudem alles dafür, um ihrem Ruf gerecht zu werden. Ihre Fassade hat sie sich gut aufgebaut, schätze ich”, ergänzte der Doktor. 

„Mit Verlaub, ich habe genug von Ihrer Frau gesehen, um hinter die Fassade zu blicken. Und was ich dort vorgefunden habe, war äußerst unappetitlich“, erklärte John knirschend.

„Wir haben viel über ihre Intrige von damals gesprochen. Sie hat oft darüber nachgedacht, wie sie Sie beide entzweit hat.“ 

„Manisch lachend, zweifellos“, murrte Josephine. 

„Dass Sie beide nach all dem nicht sonderlich gut auf sie zu sprechen sind, ist verständlich. Aber was Sie ebenso verstehen müssen, ist, dass sie den Mut hatte, nach all dem wieder an Josephine heranzutreten und zu ihrer Schuld zu stehen. Wer kann das schon von sich behaupten?“ 

„Sie hat gesagt, dass sie damals verliebt in mich war“, flüsterte Josephine. Es war heikel, das anzusprechen, zweifellos, aber sie fühlte sich gerade in der einmaligen Situation, Antworten auf ihre Fragen zu erhalten. „Denken Sie, das stimmt?“

„Davon bin ich überzeugt“, erklärte der Doktor lächelnd. „Zumindest sagte sie, sie sei rasend eifersüchtig gewesen, dass Sie John ihr vorgezogen hätten. Und seine gespielte Prüderie ging ihr gehörig gegen den Strich.“

„Nicht nur ihr“, nuschelte Josephine. Sie spürte Johns Blick auf sich, erwiderte ihn aber nicht.

„Doch alles in allem, nachdem John sie nach dem jüngsten Ereignis in Ihrer gemeinsamen Geschichte splitternackt vor die Tür setzte, begann sie, ihre Entscheidungen gründlich zu überdenken“, erklärte Bénin weiter. 

„Du hast sie nackt vor die Tür gesetzt?“, fragte Josephine erstaunt. In ihrer Phantasie hatten die beiden sich weiter im Bett gewälzt und über das dumme Gesicht gelacht, das Josephine gemacht hatte. Eigentlich lächerlich. 

„Was denkst du denn… sie hat das alles von langer Hand geplant. Wann und wo sie mich verführt, dass du dort aufkreuzt… Und ich Idiot bin eiskalt in ihre Falle getappt.“

„Mhm das bist du. Ich allerdings auch. Ich hatte nicht mal eine Ahnung, dass das deine Wohnung war.“ 

„Und unter welchem Vorwand hat sie dich dorthin gelockt?“, fragte nun John überrascht. 

Josephine wurde auf einen Schlag knallrot im Gesicht. Vielleicht hatte sie dieses kleine Detail selbst nur allzu gerne verdrängt. 

„Ich war verzweifelt, weil Natalie mir von deiner Vergangenheit erzählt hat! Dass du Mädchen entjungfert und zurückgelassen hast und ein absoluter Schuft warst. Sie wollte mir noch mehr darüber erzählen und… mir Trost spenden. Darum bin ich zu ihr gegangen.“

„Und das hast du ihr geglaubt?! Nach allem, was ich dir aus Anstand an Zurückhaltung entgegengebracht habe?!“ fragte John nun selbst einigermaßen empört.

„Das wäre ja gerade das Beleidigende gewesen!“, erwiderte Josephine unwirsch. 

„Aber mich danach zu fragen, der Gedanke kam dir nicht? Habe ich dich je belogen, Josephine?“

„Nein, aber mir deine komplette Vergangenheit mit Natalie verschwiegen!“

„Weil ich wusste, dass du ihr mehr Glauben schenken würdest als mir!“, erwiderte John prompt. „Und inwiefern sie dir Trost spenden wollte hast du ja wohl mir verschwiegen! Oder war da etwa nichts zwischen euch?“

„Ja… ja also gut, da war etwas! Und ich schäme mich dafür gehörig! Ich habe es dir sagen wollen. Es gab nur nicht den richtigen Moment“, platzte nun aus Josephine heraus. 

Dr. Bénin hatte über all das hinweg geschwiegen. John musterte sie grimmig. Sie sah John verärgert, aber auch beschämt an. Ihr gefiel gar nicht, dass sie plötzlich auch Schuld an dem Ganzen tragen sollte. Und noch weniger gefiel ihr, dass sie selbst den Gedanken nicht mehr abgeschüttelt bekam. 

„Wir können festhalten, sie hat Sie beide doch ordentlich aufs Kreuz gelegt. Sie sollten daraus lernen und einander für die Zukunft absolute Ehrlichkeit versprechen“, fand nun Bénin als Erstes wieder Worte. 

„Ich habe noch nicht gesagt, dass es eine gemeinsame Zukunft geben wird!“, sagte Josephine schnippisch. 

„Oh ich bitte Sie. Ich bin ein Mann der Wissenschaft und nur medizinisch Experte in Herzensangelegenheiten. Aber selbst ich kann sehen, wie Sie beide einander anschauen. Wie lange ist das ganze nun her, fünf Jahre?“ 

„Vier“, sprachen John und sie wie aus einem Mund. 

„Und Sie beide sitzen noch immer hier und haben scheinbar viel über all das Geschehene nachgedacht. Sie können nicht loslassen, keiner von Ihnen, ist es nicht so?“

„Ich habe keinen Moment losgelassen“, erklärte John und sah dann Josephine an. „Ich weiß, was ich wirklich will. Aber ich werde nichts erzwingen.“  

Josephine spürte, wie ihr der Kopf schwirrte. Das war alles ein bisschen zu viel für sie. Und natürlich hatte sie die Zügel in der Hand haben wollen. Aber jetzt, da es wirklich so zu sein schien, fühlte sie sich doch irgendwie unwohl mit dem Gedanken, dass nun alles an ihr hängen sollte. Obendrein war sie wütend, dass sie so ertappt worden war.

„Das kann ich so noch nicht sagen. Ich bin immerhin dennoch sehr viel weniger Schuld an der ganzen Geschichte, das wollen wir doch mal festhalten“, betonte sie. „Ich würde nun gerne mein Dinner genießen, wenn es nicht zu viel verlangt ist. Meine Güte.“ Sie leerte ihr Glas.

„Sie war schon immer unglaublich stur“, erklärte John dem Doktor mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. 

„Und wie werden Sie dem Herr, Monsieur?“, fragte der Arzt neugierig. 

„Ich habe da meine Methoden… die Miss Abbott ausgesprochen gut getan haben“, erklärte nun John und Josephine meinte, nicht richtig zu hören. „Warten wir ab, ob sie bald wieder zum Einsatz kommen. Ich denke, es ist im Grunde mehr als überfällig.“ 

„Oh du… was für eine Frechheit!“, rief Josephine da aus und feuerte die Serviette auf den Tisch. „Für mich ist das Dinner hiermit beendet! Gute Nacht, Dr. Bénin!“ 

Mit diesen Worten stürmte sie aus dem Saal. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Wie konnte er es wagen, ihr nach all dem so zu drohen?! Doch allein der Gedanke, dass er seinen Worten Taten folgen ließ, verpasste ihr weiche Knie. Mit hochrotem Kopf und Herzrasen verschwand sie in ihrem Zimmer. Er würde es nicht wagen. Er würde sie nicht einfach packen, über sein Knie zerren und versohlen, bis sie zappelte und schrie. Josephine knabberte an ihrem Fingernagel. Doch bei diesen Bildern vor ihrem geistigen Auge wurde ihr ganz heiß. Das Problem war, das konnte sie nicht einfach mit sich machen lassen. Und er würde es nicht einfach tun. Er wartete darauf, dass sie ihn zurücknahm. 

Unruhig ging Josephine im Zimmer auf und ab, ihre Gedanken überschlugen sich förmlich. Bis ein Klopfen sie aus diesem Zustand riss. 

12 Kommentare zu „39. Beistand (Der Privatlehrer)

  1. Endlich! Du hast mir heute wirklich den Tag verschönert 😀. Mir gefällt die Fortsetzung sehr gut und ich bin erleichtert, dass Mr Abbott über den Berg ist und auch, dass John wieder eine Position im Hause Abbott übernimmt. Ich bin gespannt, wie es weiter geht und was John zu Josephines Buchhaltung sagen wird 😉.
    Ich finde es wirklich gelungen, wie Du es geschafft hast, einen Bogen in Richtung spanking zu schlagen ohne Abstriche an der schönen und spannenden Rahmenhandlung zu machen. Ich hatte mich nämlich schon des Öfteren gefragt, wie Du das hinbekommen willst. Nun scheint es mir doch möglich zu sein, dass es durchaus zu einer neuen spanking Szene zwischen den Beiden kommen könnte 😅.

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    1. Hallo Luise (und jetzt weiß ich das auch mit Sicherheit ;))

      Ich freue mich wie immer, dass du so in die Story investiert bist. Die Buchhaltung wurde Josephine ja schon seit jeher zum Verhängnis 😀

      Danke dir, das höre ich natürlich gerne. Ich bin selbst froh, dass mir das zu gelingen scheint, also den Grundton der Handlung wieder etwas freundlicher und „leichter“ zu gestalten.

      glg
      rbg

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  2. Endlich hat das Warten ein Ende, aber es hat sich gelohnt! Das neue Kapitel ist dir wieder wunderbar gelungen und wie im Kommentar vorher schon richtig erfasst, du hast den Bogen in die neue alte Richtung geschafft zu ziehen ohne es künstlich oder zu gewollt wirken zu lassen!
    Dann dauert es nun hoffentlich nicht mehr allzu lange bis Josephine und John wieder glücklich miteinander sein können!

    Ich hoffe doch sehr, dass bei du uns bei dem Cliffhanger am Ende dieses Mal nicht allzu lange warten lässt!!

    Danke für ein weiteres wundervolles Kapitel!

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo,
      schön dass du das ebenfalls so siehst 🙂 Ich freue mich natürlich, wenn dieses Konzept aufgeht und die Handlung nun wieder in etwas erfreulichere Gefilde rutscht.

      Das neue Kapitel wird diesmal nicht so lange auf sich warten lassen, wenn alles hinhaut wie geplant.

      Gerne und danke Dir für diesen wundervollen Kommentar

      glg
      rbg

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  3. Ich kann mich den vorigen Kommentaren nur anschließen. Es ist toll, wie Du Josephines Gefühle für John und gerade das „Kribbeln“, das die bloße Erwähnung einer Strafe in ihr auslöst, in die Rahmenhandlung einbaust. Und es ist irgendwie „süß“, dass ihr Vater genau zu wissen scheint, was Josephine in ihrem Leben fehlt – vielleicht besser, als sie es selbst weiß.

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    1. Hey,
      ja, Josephine weiß nunmal genau was sie eigentlich will und kann das in Johns Gegenwart schlechter denn je verdrängen. Na, wer kennt unsere Protagonistin nicht besonders gut wenn nicht ihr eigener Vater 🙂
      Danke für deinen Kommentar!

      glg
      rbg

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  4. Ihr Vater wirkt wirklich sehr sympathisch. Allerdings hat er auch ihre Erziehung oder zumindest die Disziplin und damit auch das Hinternversohlen komplett outgesourct und John Buchanan überlassen. In der Geschichte wird ja wiederholt klar, dass er mit dessen Erziehungsmethoden im Grunde einverstanden ist. Als Josefine sich mit Alices Hilfe als Dienstmädchen verkleidet, um ihren Stubenarrest zu brechen, ist ihm ja vollkommen klar, dass die Beiden gleich tüchtig was hintendrauf bekommen.
    Wenn er das selbst zur richtigen Zeit ab und an mal übernommen hätte, wäre ihr in der Beziehung vielleicht einiges erspart geblieben.
    Anderseits hätte es dann auch diese schöne Serie nicht gegeben….

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    1. Jaaa, das ist richtig, ich meine, am Ende des Tages hat Josephines Vater Mr. Buchanan ja sogar mehr oder weniger genau zu diesem Zweck angestellt. Ihm waren dessen Methoden bewusst und sie wurden zuvor auch ausgiebig besprochen und er hat ihn sogar genau darum ausgesucht. Im Grunde hat er gar nichts dagegen, dass Josephine Disziplin erfährt, er selbst ist nur viel zu weichherzig dafür, selbst in diesem Sinne zu agieren, weswegen es nie soweit gekommen ist. Da er von jeher Josephines einziges Elternteil ist, wurde sie von ihm schlichtweg nach Strich und Faden verwöhnt. Und du hast recht, das ist natürlich die Prämisse der ganzen Geschichte 🙂

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