Zwischenkapitel: Offene Karten (Der Privatlehrer)

a/n: Ich freue mich wirklich riesig über die hohen Klickzahlen im Moment, darum lege ich gleich das nächste Kapitel als kleine Einstimmung auf das noch Kommende nach. Auch die andere Geschichte hat schon neue Kapitel in der Warteschleife

Die Kutsche erreichte den kleinen, schäbigen Innenhof, der zu Johns Zuhause führte. Er nickte dem Kutscher diesmal nicht nur wie sonst zum Gruß entgegen. Er steckte ihm eine Münze zu, einen guten, schweren Sovereign, den der Mann nur allzu gerne entgegen nahm. Nun war er sich sicher, selbst wenn dieser etwas von Josephines und seinem Treiben gehört haben sollte, er würde dicht halten. 

Mit seinem Hut vor dem Schritt, um möglichen neugierigen Blicken zu entgehen, näherte er sich dem kleinen Häuschen, in dem er für die Dauer seines Aufenthaltes eine Stube angemietet hatte. Sicher hatte Mr. Abbott ihm angeboten, auf dem Gutshof unterzukommen, doch er hatte es von jeher vorgezogen, mit seinen Schützlingen nicht unter einem Dach zu leben. Das Haus war einfach, doch er brauchte nicht viel. Sein gut verdientes Geld würde er eines Tages wieder für Reisen oder ein eigenes Heim brauchen, bis dahin reichten ihm bescheidene Umstände für seine Schlafstätte. 

Gerade, als er die Treppen hinauf gehen wollte, bemerkte er in der hintersten Ecke des Hofes einen Rappen, der dort erhaben stand. Ein Pferd konnte einen eigentlich nicht abschätzig anblicken, allein der Gedanke war lächerlich, dennoch fühlte es sich so an. Ein mulmiges Gefühl beschlich John. Er schob es beiseite und bestieg die knarrenden Stufen hinauf zu seinem Wohnraum. 

Als er die Tür öffnete, meinte er, seinen Augen nicht zu trauen. Vor ihm, dreist auf seinem Bett drapiert, saß Natalie. Ihr leichter, elegant-pudriger Duft erfüllte das Zimmer. Sie blätterte in einem seiner Bücher und ließ dieses nur langsam sinken, als sie seine Anwesenheit registrierte.

“Was zur Hölle treibst du denn hier?!”, wollte er ungehalten wissen.

“Aber, aber… an einem Sonntag wirfst du mit solch unchristlichen Begrifflichkeiten um dich, wie ungehörig”, flötete sie und ließ das Buch sinken. “Die Worte, die du gesucht hast, sind “Guten Tag, Natalie”

“Ich suche keine Worte, ich finde da nur ein sehr passendes. Raus!” 

Sie lächelte und lehnte sich provokant auf seinem Bett zurück. Wie üblich trug sie diese engen Hosen, die kaum etwas der Phantasie überließen. 

“Mal nicht so schnell, mein Schöner. Ich will reden.”


“Dann steh von meinem Bett auf”, erwiderte er trocken.

“Was… das? Das macht dich schon nervös? Ach herrje, hast du aber eine schmutzige Phantasie. Überhaupt, wie siehst du aus? Warst du in diesem Aufzug Holz hacken?”

Es stimmte, mit seiner verrutschten Kleidung, verschwitzt und mit zerzausten Haaren wirkte er bestimmt als habe er gerade einen Haufen Arbeit hinter sich. Doch im Grunde ging das Natalie ja auch nicht das Geringste an. 

“Was willst du? Raus mit der Sprache.”

“So viele liebe Worte, womit habe ich das nur verdient?” Sie schien es sich glatt noch etwas bequemer auf seinem Bett machen zu wollen, denn sie lehnte sich mehr zurück und streckte sich genüsslich. Er spürte, wie die Ader auf seiner Stirn zu pochen begann. Sie bemerkte seinen Blick. “John, du weißt, wenn ich etwas nicht ausstehen kann, sind das ungehobelte Männer. Also etwas Contenance, wenn ich bitten darf.”

“Weißt du, wie wenig mich interessiert, was du ausstehen kannst und was nicht?”, erwiderte er unwirsch. Er strich sich durchs Haar und fluchte innerlich. Er wollte sich umziehen, waschen und nun hatte er stattdessen dieses Miststück an der Backe. 

“Du hast dich kaum verändert. Dein aufbrausendes Temperament… es hat mir immer viel Spaß gemacht, damit zu spielen.” Sie lächelte hintergründig. “Nun setz dich schon zu mir, hm?”

“Nein danke”, erwiderte er um Ruhe bemüht. 

“Dann eben nicht”, gab sie gespielt gleichgültig zurück. “Weißt du, ich habe auch ohne dich auf dem Hof der Familie Abbott eine Menge zu tun.”

“Ach ja? Welcher bemitleidenswerte Kerl ist dir denn diesmal ins Netz gegangen?”

 “Mal ein Kerl, mal einen süßes, rothaariges Ding…”, sprach sie beiläufig.

“Du meinst, weil du Josephine gezwungen hast, sich auszuziehen und von dir züchtigen zu lassen? Das nennst du schon einen Erfolg? Deine Ansprüche sind gesunken”, sprach er sarkastisch. 

Sie lächelte. “Es war schon etwas mehr als das. Ich wette, du hättest uns gerne dabei zugesehen, John. Sie schmeckt süß wie Nektar…”

“Wie bitte?! Jetzt reicht es mir aber! Hör auf, so einen Stuss zu erzählen!” Ein mulmiges Gefühl überkam ihn. Nein, das war nun wirklich Schwachsinn. Josephine war das letzte Mal verängstigt von Natalies Avancen gewesen, hatte absolut unbehaglich bei dem Gedanken gewirkt, nackt vor ihr zu sein. 

“Wir sind gestern nachmittag ausgeritten. Ihr süßes Hinterteil hat das allerdings nur schwer vertragen. Du hast ihr ja ganz schön zugesetzt. Teppichklopfer und Rute, denke ich? Sie hat dringend Trost gebraucht. Du lässt sie ja regelrecht aushungern. Weißt du, wie nötig sie das hatte? Wenn du sie schon so hart abstrafst, ist ein wenig Spaß danach doch das Mindeste.”

Er schluckte. Wenn das wirklich wahr sein sollte, war das nicht nur unglaublich dumm und leichtsinnig von Josephine gewesen, es erfüllte auch seine schlimmsten Befürchtungen. Obwohl er auf der Stelle wütend wurde, dass sie ihn so betrogen hatte, konnte er die Schuld längst nicht nur ihr geben. Verdammt! Hätten sie das Gespräch von heute eine Woche zuvor geführt, wäre das womöglich niemals passiert! 

“Mon dieu… du magst die Kleine wirklich, nicht? Das setzt dir ja richtig zu”, kommentierte Natalie. Er starrte sie wutentbrannt an. Am liebsten hätte er ihr nun ins Gesicht geschlagen. Doch er wollte nicht die Beherrschung verlieren. Das war genau, was sie damit bezweckte. Ihn aus der Reserve zu locken.

“Ich schwörs dir, wenn du nicht die Finger von ihr lässt…”, sprach er daher betont ruhig. 

“Was dann? Willst du mich verpfeifen? Ich hätte da auch so einige Geheimnisse auszuplaudern. Wie gut du und ich uns wirklich kennen würde Josephine ganz sicher brennend interessieren. Und Mr. Abbott… sicher fände er auch sehr wissenswert, was du mit seiner geliebten, kleinen Tochter anstellst, während er denkt, dass sie bei dir nichts tut als brav die Schulbank zu drücken… Ach und außerdem ficke ich seit Tag eins auf dem Anwesen der Abbotts den Stalljungen. Ich glaube, das wird die geplante Traumhochzeit zwischen ihm und dem Stubenmädchen wohl ebenfalls beeinträchtigen.”

Er starrte sie fassungslos an. Er wusste, ihr Auftauchen würde nichts als Ärger verursachen. Doch das Ausmaß des von ihr in so kurzer Zeit angerichteten Chaos hätte er trotz seiner Erfahrung mit ihr nicht zu träumen gewagt. 

“Und jetzt? Du legst alle deine Karten offen auf den Tisch. Bist du etwa schon fertig mit deinen kranken Spielchen?”

Sie lachte hell, aber unnatürlich. 

“Ich fange gerade erst an. Es macht schon Spaß, die Fäden in der Hand zu haben. Nur haben wir da eine Sache gemeinsam. Am Schönsten ist es mit den Widerspenstigen.” Sie richtete sich auf und kniete nun auf dem Bett.

“Komm endlich her, John. Es ist höchste Zeit. Ich will dich.”

Unwillkürlich machte er einen Schritt weg von ihr. “Erpressung? Wie billig”, gab er gespielt gleichgültig von sich, auch wenn sein Mund ganz trocken war.

“Die einfachsten Methoden sind meistens doch die effektivsten.” Sie blickte triumphierend lächelnd zu ihm herüber und schälte sich dabei bereits aus ihrer Weste.

“Oder du zeigst mir meine Grenzen auf wie beim letzten Mal, großer böser Mann. Das hat mir schon sehr imponiert, muss ich sagen…”

Verdammt. Er wollte nichts als Abscheu für dieses durchtriebene Biest empfinden, doch sie schien genau zu wissen, welche Knöpfe sie zu drücken hatte. Innerlich schimpfte er sich, dass er auf so einen billigen, durchschaubaren Spruch ansprang, doch abgesehen von allem war sie noch immer ungemein attraktiv und präsentierte nun auch noch ihre Reize so ungeniert. Zum Glück hatte er inzwischen so viel Übung darin, Josephines Verführungsversuche trotz all der Lust auf sie zurückzuweisen, das hatte ihn definitiv für Momente wie diese gewappnet. 

“Schluss damit!”, sprach er dann, vielleicht ein wenig mehr zu sich als zu ihr. Er trat mit zwei großen Schritten aufs Bett zu und riss sie hoch, zerrte sie auf die Füße. Sie grinste ihm unverhohlen entgegen. 

“So viel Leidenschaft”, hauchte sie. 

“Genug um dich endlich rauszuwerfen. Tu, was du nicht lassen kannst”, spie er und schob sie dabei in Richtung Tür. “Wir werden sehen, wem sie mehr Glauben schenken, lass es nur darauf ankommen.” Er beugte sich nahe zu ihr herab, sodass er direkt in ihr nicht mehr ganz so selbstgefälliges Gesicht blickte.

“Und ich sage dir eines, lass die Finger von Josephine wenn ich dir nicht jeden einzeln brechen soll. Ich würde nicht anders mit jedem dahergelaufenen Lüstling verfahren, der sich an ihr vergreift.”

Sie funkelte ihn mit dunklem Blick an.

“Du spuckst jetzt noch große Töne aber du solltest dir ganz genau überlegen, was du jetzt tust”, sprach sie gefährlich leise. “Das ist deine letzte Chance, dich mit mir gut zu stellen, ansonsten werde ich dir das Leben zur Hölle machen, das schwöre ich dir. Dagegen wird das letzte Mal dir wie ein Spaziergang erscheinen.”

“Ich bin nicht mehr der dumme junge Kerl von damals. Viel Glück beim Scheitern, Mademoiselle Laperte.” 

Mit diesen Worten schob er sie vor die Tür und ließ diese geräuschvoll ins Schloss fallen. Er wartete noch einen Moment, bis ihre Schritte sich entfernt hatten, erst dann wagte er, durchzuatmen.

Ja, damals hatte sie ihm ziemlich übel zugesetzt. Er würde wohl niemals vergessen, wie sie ihn aufs Kreuz gelegt hatte.

2 Kommentare zu „Zwischenkapitel: Offene Karten (Der Privatlehrer)

  1. Hey,
    Vielen Dank für deine netten Geschichten. Mich freut es, dass es beim Privatlehrer endlich wieder weitergeht und bin gespannt, wohin sich das entwickelt…
    Großes Kompliment – du baust immer wieder Überraschungen in deine Geschichten ein. Es bleibt also spannend.

    Gefällt 2 Personen

    1. Willkommen zurück, Luise!

      Jaa, ich bin schon immer auch Hobbyautorin gewesen, darum kann ich die Story nie so ganz außer acht lassen. Aber ich versuche immer dass es sich die Waage mit der „Action“ hält 😉
      Ich freu mich auf jeden Fall wenn es so wie es mir auch Spaß macht gut ankommt. Danke für dein Feedback und Kompliment und

      Glg
      Rbg

      Gefällt 1 Person

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