33. Wiedergutmachung (Der Privatlehrer)

a/n: Und jetzt geht es wieder hier weiter. Im nächsten Kapitel wird dann auch wieder ein Hintern versohlt, in diesem hier gibt es erst mal ein Wiedersehen 😉

Josephine schreckte hoch. Wir spät war es? Neben ihrem Ohr vernahm sie das gleichmäßige Atmen ihres Vaters, das stockte, als sie sich langsam aufrichtete. Ihr Nacken schmerzte.

„Mein Engel… bist du wieder einmal hier eingeschlafen?“, hörte sie ihren Vater mit schwacher Stimme sagen. „Du gehörst doch ins Bett. Du sollst dich selbst ordentlich ausruhen.“

„Das macht mir nichts, Daddy. Bitte, sorg dich nicht um mich“, flüsterte sie und beugte sich wieder vor, küsste seine Hand und schmiegte sich an diese. Sogleich wurde ihr schwer ums Herz. Noch immer hatte kein Arzt vermocht herauszufinden, was ihrem Vater nun fehlte. Er wurde immer schwächer, hütete inzwischen nur noch das Bett. Mit jedem Tag stieg ihre Angst, er würde nicht mehr aufwachen. Das war so ein beklemmendes Gefühl, dass sich ihre Kehle allein bei dem Gedanken zuschnürte.

„Ist dein Freund heute nicht bei dir?“, fragte ihr Vater nun freundlich. Sie hatte Everett ein paar Male mit an sein Krankenbett geschleift. Allzu wohl schien sich dieser dabei zwar nicht gefühlt zu haben, aber da musste er durch, wenn er mit ihr zusammen sein wollte. Natürlich sollte ihr Vater ihren zukünftigen Ehemann kennen.

„Nein, er hat für einige Tage geschäftlich in London zu tun“, erklärte Josephine.

„Wie schade. Du strahlst so, wenn er hier ist. Er tut dir gut wie es scheint.“.

Wie konnte man nicht strahlen, wenn ständig guter Sex mit einem schönen Mann zur Verfügung stand, dachte Josephine im Stillen.

„Er tut mir gut, Daddy“, bestätigte Josephine. „Aber ich freue mich auch, wenn ich richtig Zeit für dich habe. Wie spät haben wir es?“ Die Standuhr zeigte an, dass es erst kurz vor 6 Uhr war.

„Schlaf noch etwas, hörst du, Daddy? Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um dein Frühstück.“ Auch wenn er fast gar nichts bei sich behalten konnte. Nach kleinen Bissen schon wurde ihm schlecht. Doch er musste essen, sonst würde er nie wieder zu Kräften kommen. Davor hatte Josephine am meisten Angst.
Sie küsste seine Stirn und ihr Vater nickte, streichelte ihre Wange. „Mein lieber Schatz.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln, auch wenn sie innerlich mit den Tränen kämpfte, verließ dann sein Zimmer. Sie schloss kurz die Augen, sammelte sich. Um die Uhrzeit war noch niemand wach, vielleicht höchstens die beiden Küchenjungen Peter und Felix zum Kartoffeln schälen. Sie sollte vielleicht einen kleinen Ausritt machen um einen freien Kopf zu bekommen.

Als sie wenig später auf ihrer besten Stute saß und ihr die kühle Morgenluft des hereinbrechenden Herbstes ins Gesicht wehte, spürte sie, dass es eine gute Idee gewesen war, auszureiten. Zuhause wäre sie wieder nur depressiv geworden, vor allem bei dem Gedanken, wie nutzlos sie darin war, auch nur das Geringste gegen die unbekannte Krankheit ihres Vaters zu tun. Ohne Everetts und Lotties Gesellschaft fehlte ihr obendrein jegliche Ablenkung von all dem und so war das hier das Vernünftigste, was sie hätte tun können.

Sie ritt weit, heizte ihre weiße Stute im Galopp durch die grüne, von Menschenhand weitgehend unberührte Landschaft. Es tat so gut, den Kopf frei zu bekommen, dass sie jedes Zeitgefühl verlor. Am Stand der Sonne konnte sie erkennen, dass es nicht mehr allzu früh war, als sie schließlich auf das Gut zurückkehrte. Voller Überraschung machte sie eine fremde Kutsche mitten auf dem Innenhof aus, kaum dass sie sich diesem näherte. Sie stieg ab, noch zwischen Neugier und Verwirrung, als Finnegan auf sie zu eilte.

“Lady Abbott”, setzte er an, offenbar so behutsam er nur konnte. “Ich weiß, es ist nicht leicht, aber versuchen Sie jetzt bitte, Ruhe zu bewahren.”

“Was….” Sofort spürte sie tiefe Nervosität, ein unangenehmes, fast schmerzhaftes Kribbeln, das sich schnell in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Sie packte an Finnegans Arm, Halt suchend.

“Bitte… was ist mit meinem Vater, Finnegan?”, flüsterte sie.

“Es geht nicht um Ihren Vater. Ich wollte Ihnen keinen Schreck einjagen”, erwiderte er entschuldigend. Erleichterung durchströmte sie. Jedoch nur kurz, bis eine ihr nur zu gut bekannte Person hinter der Kutsche hervortrat.

“DUU?!” Sie setzte zum Hechtsprung an, da bekam Finnegan sie gerade so an ihrem Rock zu packen. Es war wohl gut so, denn ihr erster Impuls war, auf sie zuzuhechten und ihr die Augen eigenhändig auszukratzen. Stattdessen hing sie halb in Finnegans Arm, der beruhigend versuchte, auf sie einzureden.

Vor ihr stand niemand Geringeres als Natalie Laperte. Schön wie eh und je, nur dass ihr langes, dunkles Haar jetzt zu einer kunstvollen Frisur aufgesteckt war und sie ihre Reiterhosen durch ein ausladendes, prunkvolles Kleid ersetzt hatte. Mit arroganter Gelassenheit sah sie dreist in Josephines Gesicht. Zumindest wusste diese den Blick der Französin nicht anders zu deuten.

“Wie kannst du es wagen, auf MEINEM Hof aufzukreuzen! VERSCHWINDE, ehe ich mich vergesse!”, spie Josephine zornerfüllt. In ihren Worten lag all der Hass und Frust, der sich über vier Jahre aufgestaut hatte.

“Finnegan” Mit einem schmalen Lächeln auf den Lippen wandte Natalie sich diesem zu. “Da ich vermute, dass sie mir nicht zuhören wird, erklärst du es ihr wohl?”

“Was erklären?! Ich will keine deiner fadenscheinigen Erklärungen hören, du DRECKIGE HURE!”, schrie Josephine. Ihr Kopf war knallrot, das spürte sie deutlich. In ihren Augen hatten sich vor Wut schon Tränen gesammelt.

“Mon dieu, dir hat aber schon lange keiner mehr Manieren beigebracht, huh? Wo ist ein schönes Seifenstück, wenn man es mal braucht.” Natalie schien diese Beleidigung eher zu belustigen als zu treffen, was Josephine in eine gewisse Verzweiflung versetzte. Sie sah hilfesuchend zu Finnegan hinauf.

“Schmeiß sie raus hier, sofort. Bitte!”, flehte Josephine nun eher als zu befehlen. Sie wusste selbst nicht, warum sie gerade jetzt ihren Befehlston so gar nicht mehr drauf hatte. Das war wie ein schlechter Traum. Sie fühlte sich so klein und verletzlich.

“Du wirst dir anhören wollen, was sie zu sagen hat”, flüsterte Finnegan ihr zu. “Sie ist nicht alleine hier.”

Josephines Kopf fuhr herum. Sie hatte doch nicht etwa John bei sich? Bei Gott, wenn er nun als Natalies Ehemann aus dieser Kutsche steigen würde, nicht der stärkste Mann der Welt würde sie davon abhalten können, augenblicklich auf beide loszugehen.

“Bevor du gleich die Hunde auf mich loslässt, hol einige Male tief Luft und dann sei bitte nicht dumm und hör mir zu”, sprach Natalie gefasst. “Du hast einen deiner Jungs nach London geschickt, auf der Suche nach einem Arzt, der deinem Vater zu verhelfen vermag. So einen Hübschen mit Kinngrübchen.”

“Ja?”, murmelte Josephine skeptisch. Diese furchtbare Frau schien sich jedenfalls nicht im Geringsten verändert zu haben.

“Auch ich war zu der Zeit in der Stadt, ich bin gerade auf Reisen. Und wie es der Zufall so will, habe ich den besten Arzt von ganz Frankreich bei mir. Er wird deinem Vater helfen. Vorausgesetzt natürlich, du erteilst ihm die Erlaubnis, ihn zu untersuchen.”

Josephine fühlte, wie ihr buchstäblich die Kinnlade herunterfiel. Das war nun wirklich das Letzte, womit sie gerechnet hätte.

“Du bist den ganzen Weg aus London hierher gekommen? Nur dafür?”, fragte sie ungläubig.

“Merde alors, nenne es Wiedergutmachung, eine Entschuldigung… ich bin nicht gut in so etwas, also gewöhne dich besser nicht daran.” Die Französin winkte ab. Josephine starrte weiterhin. Das wollte so gar nicht zu dem Bild passen, dass Natalie bisher stets abgegeben hatte.

“Also, nimmst du das Angebot an?”

“Wenn er wirklich so gut ist, sollten wir es nicht unversucht lassen”, flüsterte Finnegan Josephine zu.

“Das weiß ich selbst!”, murrte Josephine patzig. “Ja, na schön”, sprach sie dann mit betont gefasster Stimme. “Er darf zu ihm gehen. Schlimmer als die Pfuscher zuvor kann er ja nicht sein.”

“Fein.” Natalie klopfte an die Kutsche. Ein älterer Herr, ähnlich betagt wie ihr Vaters stieg aus. “La dame est prête à vous recevoir”, sprach Natalie ihn direkt an und nickte dann in Josephines Richtung.
“Mademoiselle Abbott”, sprach er freundlich, sofort schlug der starke Akzent durch, auch als er englisch sprach. “Mein Name ist Docteur Bénin. Möchten Sie mir zeigen, wo ich ihren Monsieur Vater finde?”

“Kommen Sie mit.” Josephine ging wie ferngesteuert in Richtung Haus. Ihr Herz pochte wie verrückt. So richtig konnte sie nicht glauben, was hier gerade passierte. Als sie sich umdrehte, bemerkte sie, dass nur noch der Arzt ihr folgte. Das verschaffte ihr schon mal ein wenig Erleichterung. Natalie sehen zu müssen, versetzte sie sofort wieder in diese Stimmung, ließ sie all die Beklemmung spüren, die sie in den ersten Monaten nach dem Vorfall nicht hatte abschütteln können. Und so hatte sie sich eigentlich nie wieder fühlen wollen.

Als sie das Schlafzimmer ihres Vaters erreichte, hielt sie den Arzt an zu warten, trat dann als erste ein und kündigte ihrem Dad die Untersuchung an. Er sah so schwach und blass aus dass sich Josephine der Magen umdrehte.

“Bitte werden Sie ihrem Ruf gerecht”, flüsterte sie dem älteren Herren zu, während er eintrat.

„Bien sûr, Mademoiselle. Ich werde tun, was ich kann.” Er tätschelte kurz über ihre Schulter und trat dann an den Patienten heran. Nach einem ersten Gespräch mit ihm drehte er sich zu Josephine um.

“Mademoiselle Abbott, es wäre mir recht wenn Sie draußen warten. Es kann eine Weile dauern. Trinken Sie doch in der Zeit einen Tee mit meiner Frau, oui?”

“Ihrer Frau?”, fragte Josephine. “Also gut. Aber sie rufen mich, wenn Sie mehr wissen. Augenblicklich, ja?”

“Naturellement. Nun gehen Sie. Eine Tasse Tee wird Ihren Nerven gut tun.”

Josephine konnte nicht widersprechen. Wie ferngesteuert verließ sie das Zimmer. Also würde sie nun wohl wieder zur Kutsche zurück gehen und die Frau des Arztes zum Tee einladen. Doch als sie die Eingangshalle betrat, bot sich ihr ein Anblick, der sie gleich wieder rasend machte. Natalie stand dort und streifte ihre Handschuhe ab, reichte sie zusammen mit ihrem lächerlich großen Hut einem der Hausmädchen.

“Niemand hat dir erlaubt, mein Haus zu betreten!”, zischte Josephine, während sie die Treppenstufen herab eilte.

“Josephine, beruhigen wir uns. Wir wollen das doch wie gesittete Leute angehen, nicht wahr?”

“Wer sagt das?! Denkst du, nur weil du hier mit einem Arzt antanzt, ist alles wieder prima? Ich schwöre dir…”

“Lass uns reden”, unterbrach Natalie sie ruhig. “Ich will nicht streiten mit dir. Und ich schulde dir so viele Antworten und einiges an Klarheit. Das sollte doch auch in deinem Interesse sein. Nach all den Jahren die ganze Wahrheit zu erfahren.”

Josephine hielt inne. Sie haderte mit sich. Einerseits wollte sie kein Wort aus dem Mund dieser Kuh hören. Andererseits…

“Wenn Sie erlauben, Miss Abbott”, klinkte sich Finnegan ein, ein stummer Zeuge, dem sie bis eben keine weitere Beachtung geschenkt hatte, doch nun trat er an sie heran und sprach leise an ihr Ohr. “Wenn Sie ihr zuhören, können Sie damit abschließen und nach vorne schauen. Mit Mr. Fletcher. Das ist doch, was Sie wollen.”

“Ja”, murmelte Josephine fast tonlos. “Mach das Teezimmer fertig”; sprach sie dann mit fester Stimme. “Und hol bitte Dr. Bénins Frau herein. Sie soll sich auch bei einer Tasse Tee wärmen, am besten im Salon, solange Miss Laperte und ich sprechen.”

Natalie lächelte ein wenig. “Nicht mehr Laperte. Madame Docteur Bènin, wenn ich bitten darf.”

Josephine starrte sie ungläubig an. Mit dem alten Sack war sie verheiratet?! Na wenn da mal nicht Geld eine Rolle spielte…

“Na… man darf wohl gratulieren”, gab sie sich schlagfertig, während sie in Richtung Teezimmer lief. Ihr Herz schlug ihr jedoch bis zum Hals und die innere Aufgewühltheit vermochte sie kaum abzuschütteln. Madame Bénin nun also. Gab sich als feine Gesellschafterin, dieses verhurte Miststück. Sie wollte gar nicht wissen, auf welche Arten sie ihren Ehemann betrog und wahrscheinlich sogar übers Ohr haute.

Ohne weitere Worte gingen sie ins Teezimmer. Marie trat mit einem Tablett ein, noch ehe sie auf den großzügigen Ohrensesseln gegenüber voneinander Platz genommen hatten.

“Das genügt, den Rest mache ich!”, fuhr Josephine Marie an, als diese meinte, eine Wissenschaft aus dem Tee ausgießen machen zu müssen.

“Sehr wohl, Miss Abbott”, sprach Marie fadenscheinig freundlich und ging zur Tür.

“Wir wollen nicht gestört werden!”, rief Josephine noch. “Außer es ist der Doktor. Wenn er mich sprechen will, ruft mich sofort.”

Marie machte noch einen Knicks und nickte, ehe sie hinaus ging.

Nun waren sie also allein. Natalie und sie, nach all der Zeit. Josephine starrte in die hellen Augen der immer noch bildschönen Frau. Sie versuchte mit aller Kraft, ihrem stechenden Blick standzuhalten. Sie würde sich jedenfalls nie wieder von ihr einschüchtern lassen.

“Nun…”, Natalie griff nach ihrer Teetasse. “Ich muss schon sagen, die Dinge sind ganz anders verlaufen als ich es erwartet hätte.”

“Ach ja?”

“Ja, absolut. Zunächst einmal möchte ich mich von Herzen für meine hässliche kleine Intrige von damals entschuldigen. Wie soll ich sagen, ich verliere äußerst ungern. Doch am Ende hat es sich nicht ansatzweise so befriedigend angefühlt, wie ich mir das erhofft hatte.”

“Was für eine Intrige?”, murmelte Josephine. “Dass du Sex mit dem Mann hattest, den ich heiraten wollte, würde ich noch lange keine Intrige nennen. Ich denke, du wusstest genau, dass er und ich einander zugetan waren, aber es war dir egal. Du wolltest ihn für dich haben.”

Natalie legte den Kopf ein wenig schief. “Nicht doch. Ich wollte mir die Zeit ein wenig vertreiben mit ihm. Dich wollte ich für mich haben.”

Josephine starrte sie an. Warum stieg ihr nun das Blut in den Kopf? “Was?”, hauchte sie.

“Na mit meinem alten Spielzeug ab und zu wieder zu spielen hielt ich für einen netten Gedanken, aber selbst das hat er mir so schwer gemacht wie er nur konnte. Aber wirklich interessiert war ich an dir. Ich meinte, was ich damals sagte. Ich hätte dich gerne mit nach Frankreich genommen. Nunja, du und ich wollten, schätze ich, nicht das gleiche.”

“Wie… Moment… ich?! Und wieso altes Spielzeug? Also hattest du doch schon damals in Frankreich mit ihm zu tun! Was stimmte überhaupt an der Geschichte, dass er deine Freundin entjungferte?”

“Nicht das Geringste. Pardon, cherie.” Natalie nippte an ihrem Tee. Josephine spürte, wie ihr Blut zu kochen begann.

“DU…”

“Lass mich von vorne erzählen.” Die Französin sah sie ungewohnt ernst an. “Er war ein Angestellter auf dem Anwesen meiner Familie. Mon dieu, du hättest ihn sehen müssen. Zum Anbeißen, ein stattlicher Kerl, wusste wie man anpackt. Und so unglaublich verschossen in mich. Der Junge hat mir aus der Hand gefressen. Zunächst.”

Josephine lehnte sich zurück. Bescheuert. Sie hörte nicht gerne, dass er verliebt in sie gewesen war, dabei war das jetzt doch auch längst egal, nicht?

“Ich habe ein paar schmutzige Dinge von ihm verlangt und das nicht im spaßigen Sinne. Ich denke das hat zu einem gewissen Bruch geführt. Ich war wirklich verärgert, weil er für mich nicht so weit gehen wollte, wie ich es erwartet hätte. Also sagte ich meinen Eltern, er hätte mich unsittlich berührt und er ist unehrenhaft von meinem Hof geprügelt worden. Danach floh er meines Wissens nach nach Schottland und lebte dort bei einer Duchess. Kontakt hatten wir bis vor vier Jahren nicht mehr. Ich schätze, ich habe ihm ziemlich zugesetzt.”

“Und warum wusste ich davon nichts? Das hätte er mir sagen können!” Josephine schüttelte den Kopf, fassungslos darüber, dass er von Anfang an unehrlich gewesen war, was Natalie betraf. Darum hatte er auf ihre Ankunft so seltsam reagiert. Nun begann all das Sinn zu ergeben.

“Wir hatten uns darauf geeinigt, dass wir dir nichts davon sagen. Vielleicht war er beschämt, vielleicht auch nur klug genug um die Lage richtig einzuschätzen. Denn ich hätte dir ohnehin glaubhaft versichert, dass alles ganz anders ist, als er es beschreibt. Ich bin gut in so etwas, das wusste er”, erklärte Natalie schulterzuckend. “Und du warst sowieso meine Bewunderin. Seien wir ehrlich, er tat gut daran, es dir zu verschweigen.”

“Das sehe ich ganz anders!”, knirschte Josephine. “Und wann hat eure Affäre wieder angefangen, huh?”

“Oh, ich habe mir von Anfang an redlich Mühe gegeben, ihn wieder in Stimmung zu bringen. Aber er hat offenbar all seine Willenskraft darauf verwendet, mir zu widerstehen.”

“Nicht sehr erfolgreich”, erwiderte Josephine angewidert. Sofort musste sie wieder an die nackten Körper der beiden, tief ineinander verschlungen denken.

“Erfolgreicher als die meisten anderen Männer. Ich habe mich ihm mehr als nur einmal angeboten und er hat mich immer wieder vor die Tür gesetzt. Du warst viel leichtere Beute”, zwinkerte Natalie. Josephine lief knallrot an.

“Darüber will ich nun wirklich nicht mehr sprechen!”

“Oh darüber sollten wir aber ganz dringend sprechen, findest du nicht? Kommen wir zu dem Punkt, an dem ich doch sehr überrascht war. Sicher, ich habe dich in die Falle tappen lassen. Habe dir von seinem angeblich miesen Ruf erzählt und dir seine Adresse gegeben, damit du uns auf frischer Tat ertappst…”

“Das war seine Adresse?!”, rief Josephine aus. Oh, wie intrigant. Sie hatte ja keine Ahnung gehabt, dass das wirklich geplant gewesen war. All die Jahre hatte sie geglaubt, die beiden inflagranti erwischt zu haben, nicht mehr und nicht weniger. Dass das alles ein ausgeklügelter Plan gewesen war… doch dazu gehörten dann doch noch immer zwei!

“Dein Plan hat nur funktioniert, weil er es auch wirklich mit dir getrieben hat. Also entschuldigt das gar nichts”, presste sie also hervor. Jetzt bloß nicht weich werden!

“Josephine, nun hör mir mal gut zu. Ich lag nackt auf seinem Bett als er nach Hause kam. Außerdem hatten wir nicht direkt Sex. Er hat mir den Hintern mit dem Gürtel durchgedroschen und wollte mich danach rauswerfen. Ich habe das sehr gekonnt zu verhindern gewusst. Einfach jeder Mann hätte in seiner Lage mit mir geschlafen.”

“Nein”, erwiderte Josephine leise. “Kein Mann, der mich liebt.” Diese ganzen Details, die sie gar nicht hatte wissen wollen, schwirrten in ihrem Kopf.

“Hast du ihn denn nicht geliebt?”

“Leider doch. Sonst würde es ja wohl kaum… ich meine hätte es ja wohl kaum so weh getan!”, schoss Josephine zurück.

“Komisch”, sprach Natalie. “Und trotzdem hattest du Sex mit mir.”

“Ich hatte nicht… ich meine, das war doch etwas vollkommen Anderes!”, wehrte Josephine ab.

“Inwiefern? Weil wir zwei Frauen sind? Weil ich dich erpresst habe? Du weißt, das war mehr als fadenscheinig, hm? Du hast dich nur zu gerne verführen lassen.”

“Weil ich… weil ich absolut überreizt war!”, sprach Josephine verteidigend. “Weil er mich am ausgestreckten Arm hat verhungern lassen. Er wollte ja ach so anständig sein. Wir hätten uns gegenseitig befriedigen sollen, er und ich! Dann wäre all das mit dir niemals so schief gegangen!”

“Hmm… kann mit rein spielen, doch auch das ist doch nur teils seine Schuld. Nach den Erfahrungen, die er mit mir Jahre zuvor gemacht hat, kann man ihm die Angst nicht verdenken, unehrenhaft von einem Hof gejagt zu werden, nachdem man die junge Dame des Hauses unsittlich berührt hat, nicht?”

“Er wäre ja nicht davon gejagt worden, wir hätten geheiratet!”, insistierte Josephine.


“Falls dein Vater das denn erlaubt hätte… nunja, ich denke, worauf wir uns doch einigen können, am Ende des Tages habt ihr euch gegenseitig betrogen. Mit ein und derselben Person. Das könnte glatt aus einer griechischen Tragödie stammen”, sinnierte Natalie.

“Ja, weil du ein ganz furchtbarer Mensch bist! Wie kannst du überhaupt noch in den Spiegel schauen!”, zischte Josephine.

“Jetzt mal ganz ruhig. Ich bin ja hier um das geradezurücken, oder etwa nicht? Außerdem habe ich mit diesem Ergebnis nicht gerechnet. Viel eher, ich war schockiert, als ich hörte, dass du alleine bist. Ich war eifersüchtig gewesen, dass du ihn mir vorziehst und wollte euch beiden die Suppe versalzen. Eure Beziehung zu sabotieren war nie meine Absicht.

Außerdem, ich wusste ja nicht, dass du so wenig auf deine eigenen Fehler schaust. Ich dachte, dir wäre klar, dass du selbst nicht ohne Schuld bist und habe erwartet, dass du ihm letztendlich diesen Ausrutscher verzeihen würdest und ihr ein langes, glückliches Leben mit vielen Kinderchen und ab und zu einem roten Hinterteil für dich verleben würdet.”

“Tja. Das ist ja wohl nicht passiert”, murmelte Josephine bitter. “Ich weine ihm jedenfalls keine Träne mehr nach. Nett, dass du all das aufklärst, aber es ist zu spät. Ich habe einen anderen Mann gefunden.”

“Einen ganz und gar treuen?”, fragte Natalie vermeintlich naiv.

“Definitiv. Die Avancen meiner Freundin hat er stets voll und ganz ignoriert.”

“Soll ich seine Treue mal testen?”

“Untersteh dich! Außerdem dachte ich, du seist verheiratet!” Josephine schüttelte fassungslos den Kopf.

“Das stellt für mich kein Hindernis dar. Mein Mann wusste von Anfang an wie ich bin und akzeptiert es. Ohne diese Voraussetzung wäre ich die Ehe mit ihm niemals eingegangen. Er ist impotent, musst du wissen. Nicht erst durch sein Alter, seit vielen Jahren schon. Darum schaut er gerne zu. Wenn ich mich mit einem stattlichen Burschen oder einem süßen Mädchen vergnüge will er dabei sein und uns beobachten. Das ist seine einzige Voraussetzung.“

„Das klingt ja wirklich nach der großen Liebe. Bevor du mich fragst, ich verzichte darauf, mich von einem geilen alten Bock beim Sex anstarren zu lassen.“

„Und die Komponente, dass es mit mir wäre, stört dich nicht?“, flötete Natalie. Josephine starrte sie düster an. Das war jetzt ja wohl nicht ihr Ernst!

“Wieso machst du so etwas überhaupt? Ich dachte, du wolltest ungebunden sein. Ist es, weil er reich ist?”, fragte nun Josephine provokativ.

“Ja, das ist der Hauptgrund, doch das weiß Maurice auch. Wir beide profitieren gehörig von dieser Ehe. Nun, wenn man einen Lebensstil pflegt wie du und ich geht das mit den Jahren doch ganz schön ins Geld, aber ich schätze, das wirst du auch langsam festgestellt haben”, sprach Natalie.

“Uns geht es finanziell gut!”, sprach Josephine sofort abwehrend. Glaubte sie zumindest. Naja, ihr Vater kümmerte sich um diese Dinge. Sie hasste Buchhaltung, unverändert.

„Jedenfalls hätten sowohl mein Mann als auch ich kein Problem damit, deinen neuen Liebsten einem Treuetest zu unterziehen”, wechselte Natalie das Thema. “Ist er hübsch? Wie alt ist er?“

„Untersteh dich! Wenn es nach mir geht, wirst du ihn niemals zu Gesicht bekommen!“, zischte Josephine.

„Liebst du ihn? Ehrlich gesagt hatte ich ganz andere Dinge von dir gehört, als ich in London unterwegs war. Ich war schon ganz stolz zu hören, dass du dein Leben in vollen Zügen genießt, frei jeder Konventionen…“

„Was hast du denn von mir gehört?“, fragte Josephine etwas unsicher. Warum sprach sie darüber überhaupt mit ihr?! Doch die Neugier war zu stark.

„Dass deine Freundin und du die wildesten Orgien feiert und du von einem Bett zum nächsten springst. Etwas in der Art. Wie war es? Wie hat es sich angefühlt, sich von nichts und niemandem einschränken zu lassen?“ Natalie lehnte sich nun in ihrem Sessel vor, ehrliche Neugier glänzte in ihren Augen.

Josephine haderte mit sich. Sollte sie wirklich ausgerechnet mit ihr darüber sprechen? Doch irgendwie gab es keinen, dem sie sonst ihr Herz hätte ausschütten können. Also warum nicht Natalie, bei der es Josephine vollkommen egal war, was sie über sie dachte.

„Ehrlich gesagt war es einfach nur furchtbar. Ich schätze, das was du Einschränkungen nennst hat sich für mich nach Sicherheit angefühlt. In dieser ernsthaften Beziehung geht es mir so viel besser. Ständig wechselnde Männer, bedeutungsloser Sex… das hat mich beschäftigt und für eine Zeitlang eine gewisse Leere gefüllt…”

“Aber dabei hast du immer irgendwie darauf gehofft, dass John plötzlich zur Tür hinein stürmt, dem Mann, mit dem du im Bett liegst einen Kinnhaken verpasst und dich danach gründlich für deine Promiskuität übers Knie legt”, ergänzte Natalie. Josephine starrte sie groß an.

“Woher…”

“Ich bin nicht wie du, Josephine. Doch ich verstehe genau, wie du tickst. Darum bin ich ja auch noch immer der Überzeugung dass wir ausgezeichnet zusammengepasst hätten. Ich hätte dir geben können, wonach du dich wirklich sehnst. Weil ich es verstehe.”

Josephine bekam eine Gänsehaut. Stimmte das? Hatte sie sich deswegen auf der Waldlichtung so sehr bei Natalie fallen lassen können? Eines stand fest, kein Mann mit dem sie danach das Bett geteilt hatte, hatte ihr so gekonnt mit seinem Mund Höhenflüge zu verpassen vermocht. Und Natalie hatte schon immer diese übersexuelle, reizvolle Seite an sich gehabt.

“Ich verstehe darum, dass du einen Mann wie John brauchst. Wenn du ihn nicht zurück nehmen willst, meine Güte, dann tu es nicht. Es gibt viele Fische im Wasser. Du solltest allerdings wirklich nach jemandem Ausschau halten, der dominant ist. Hast du so jemanden gefunden?”

“Everett ist ein großartiger Mann”, sprach Josephine prompt. Es klang ein wenig wie auswendig gelernt. “Es spielt doch auch gar keine Rolle… er macht mich glücklich!”

“Umso besser, das freut mich für dich”, sprach Natalie erstaunlich milde. “Hast du denn je wieder von John gehört?”, fragte sie dann beiläufig.

“Er lässt nicht locker. Ständig schreibt er mir Briefe… aus Schottland. Meinst du, er lebt wieder bei dieser Dutchess?”

“Gut möglich. Was schreibt er denn so?” Natalie schenkte sich Tee nach. “Hast du auch etwas Stärkeres, ma chèrie?”

“In der Bar links von dir steht Cognac. Ich weiß nicht, was er schreibt. Ich habe die Briefe nie geöffnet.”

Natalie hob eine Braue und fischte dabei aus dem Regal neben sich nach einer Flasche mit tiefbrauner Flüssigkeit.

“Ich hätte dich nie für feige gehalten, Josephine. Das Leben ist doch stets für Überraschungen gut.”

Josephine öffnete empört den Mund, da klopfte es an der Tür.

“Ja bitte?”, rief Josephine. Die Tür öffnete sich einen Spalt und Marie schaute herein.

“Lady Abbott… Der Arzt möchte sie sprechen.”

“Ich komme sofort.” Mit wackeligen Beinen erhob Josephine sich vom Stuhl. Wortlos goss Natalie Cognac in Josephines Teetasse. Sie nahm einen großen Schluck, dann eilte sie zur Tür. Sie war aufgewühlt von ihrer Vergangenheit, jedoch noch banger blickte sie in ihre Zukunft. Hoffentlich verstand der französische Doktor sein Handwerk besser als seine Vorgänger.

8 Kommentare zu „33. Wiedergutmachung (Der Privatlehrer)

  1. Okay, dass ist jetzt wirklich eine Wendung die ich NIE erwartet habe. Jetzt bin ich platt. Ich muss schon sagen, deine cliffhanger sind echt gemein 😅. Aber wirklich eine spannende Wendung! Ich bin gespannt…

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  2. Das ist wirklich eine unerwartete Wendung und ein fieser Cliffhanger!
    Ich missgönne Natalie, dass es ihr so gut zu gehen scheint, aber mir gefällt, dass das Geflecht von Schuld hier recht offengelegt wird. Dass keiner wirklich entlastet ist, aber eben jeder einen Teil trägt. Das ist für eine Geschichte ungewöhnlich realistisch.
    Jetzt bin ich gespannt, was der Arzt sagt und wie sich die Sache zwischen den beiden Frauen weiter entwickelt.

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    1. Sorry! Dass der Cliffhanger so fies ist, war mir gar nicht bewusst 🙂 Ist aber auch irgendwo schön zu hören.
      Freut mich, dass dir das gefallen hat. Ich denke, der Leser konnte sich diese Gedanken zwar selbst aus dem bisher gelesenen zusammenreimen, aber so zusammengefasst wurde alles dennoch klarer. Wie du es beschreibst, trifft es ziemlich genau zu. Natalie ist sicher kein guter Mensch, aber weder John noch Josephine haben sich wirklich korrekt verhalten.
      Danke für dein Feedback und glg

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  3. Natalies Rückkehr hat mich wirklich positiv überrascht. Wenn sie auftaucht ist schliesslich immer was los.

    Es wäre auch zu schade gewesen, wenn eine so gut geschriebene Figur nicht mehr auftauchen würde. Jetzt bleibt nur noch die Frage ob sie gleich wieder abreisst oder noch ein Weilchen auf dem Anwesen bleiben wird?

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