36. Liebesbrief (Der Privatlehrer)

Josephine saß in ihrem Schlafzimmer. Sie trug bereits ihr Nachtkleid und war von ihrem neuen Stubenmädchen bettfertig gemacht worden. Seit Alice vor etwas weniger als vier Jahren schwanger geworden war, wechselten diese ständig. Keine konnte sie zufrieden stellen, die Temperatur des Waschwassers stimmte nicht, sie kämmten ihr langes, wildes Haar, das viel Pflege bedurfte nicht ordentlich oder zu grob, suchten schreckliche Kleider heraus und waren auf ganzer Linie eine Enttäuschung. Doch wenn Josephine ehrlich mit sich war, war wohl der größte Grund, dass sie es ihr nicht recht machen konnten, dass sie Alice ganz furchtbar vermisste. In ihr blieb das Gefühl, dass sie sich nach ihrem gar nicht so großen Streit von damals, den sie aber dennoch nie geschafft hatten, aus der Welt zu schaffen, immer mehr voneinander distanziert hatten.

Der Streit war nicht der Grund. Grund war das, was Alice über ihr Verhalten und ihren Lebensstil zu sagen hatte. Darum war es schwer, Gespräche mit ihr zu führen, die in die Tiefe gingen. Denn sie wusste genau, würde sie Alice etwas anvertrauen, würde diese sich mehr als ohnehin schon sorgen und ihr moralische Vorträge darüber halten, was sie besser zu machen hatte. Das alles wollte sie nicht hören.

Josephine selbst spürte es und heute hatte sie es vor Natalie zum ersten Mal laut ausgesprochen. Das Leben, was sie gerade führte, machte sie einfach nicht glücklich. Es war schwer, sich das einzugestehen, weil es bedeutete, dass Alice die ganze Zeit über recht gehabt hatte. Noch dazu hieß es, dass sie etwas ändern musste. Doch inzwischen fühlte sie sich schon so gefangen in ihrem neuen Lebensstil, dass sie gar nicht wusste, wie sie das anstellen sollte. Everett und sie hatten eine feste Beziehung, das war definitiv besser als ihre flüchtigen Männerbekanntschaften. Doch er stammte aus genau diesen Kreisen, verkehrte genau mit diesen Freunden, mit denen sie Nacht für Nacht das Bett geteilt hatte. Sie hatte Angst davor, dass ihr Ruf ihre neu entstandene Beziehung zerstören würde. Und dann kam hinzu, dass sie ihn ansah und trotz all seiner Attraktivität, seinem Humor und seinem Charme spürte, dass Anziehung nunmal nicht gleichbedeutend mit Liebe war. Das war nicht seine Schuld. Vielleicht war Liebe auch nicht diese Sache aus den Romanen, vielleicht musste Liebe nicht alles vertilgen, das Herz vor Zuneigung schier platzen oder die Gedanken Tag und Nacht um diese Person kreisen lassen.

Doch genau das hatte sie bereits durchlebt. Und so sehr sie auch versuchte, es nicht zu tun, sie konnte nicht aufhören mit ‘Was wäre wenn’. Sie träumte von John. Nicht ständig, aber viel zu oft. Sowohl in der Nacht als auch mit offenen Augen. Und wenn sie an ihn dachte, wurde es ihr gleichermaßen schwer und federleicht ums Herz. 

Josephine blickte auf ihren Schoß. Darauf lag ein cremeweißer Briefumschlag mit Poststempel, ihrem Namen und ihrer Anschrift. Sie folgte der Spur der Tintenbuchstaben mit der Fingerspitze. Warum sie die Briefe zuvor verbrannt hatte, wusste sie schon. Allein seine Handschrift anzusehen löste das reinste Gefühlschaos in ihr aus. Sie erinnerte sie an die unzähligen Sätze, die er säuberlich an die Tafel geschrieben hatte. Dabei war seine Schrift geschwungen, fast schon künstlerisch, ungleichmäßig, was gar nicht zu seinem sonst so ernsten Wesen passen wollte. Sie hätte schon damals beim Anblick dieser Buchstaben ahnen sollen, wie viel mehr in diesem augenscheinlich reservierten Mann steckte. 

Doch sie konnte sich jetzt nicht Träumereien hingeben. Sie hatte eine Entscheidung zu treffen. Die Situation ihres Vaters war ungewiss. Seit er krank geworden war, hatte Josephine den Gedanken in sich schwanger getragen, dass John davon erfahren sollte. Er war ihrem Vater mehr gewesen als ein Angestellter und der Lehrer seiner Tochter. Sie hatte den Respekt stets gespürt, den die beiden Männer dem jeweils anderen gegenüber empfanden. Als Josephine ihrem Dad damals gesagt hatte, dass er Mr. Buchanan entlassen sollte – mit verweinten Augen und vollkommen fertig mit den Nerven – hatte er getan wie ihm geheißen. Er hatte gespürt, dass etwas anders war als sonst, dass es keine sture Aktion von ihr war um Strafen oder Strenge zu entgehen. Doch Josephine kannte ihren Vater besser als sonst einen Menschen und hatte gemerkt, wie schwer es auch ihm gefallen war, den Hauslehrer ziehen zu lassen. Manchmal noch hatte er behutsam angefragt, ob sie etwas von Mr. Buchanan gehört hätte, sicher wohl wissend, dass regelmäßig Briefe eintrudelten. Doch sie hatte jedes Mal abgeblockt, war nicht weiter darauf eingegangen. 

Noch vor ihrem Gespräch mit Natalie oder der Untersuchung von Docteur Bénin hatte sie sich schuldig gefühlt, weil sie sicher war, dass wenn etwas mit ihrem Vater passieren sollte, John zumindest ein Abschied zustand. Jetzt, nachdem sie eine neue Perspektive auf all die damaligen Geschehnisse gewonnen hatte, so sehr sie diese auch zu verdrängen versuchte und nun, da sie wusste, dass ihrem Vater eine komplizierte Operation bevorstand, konnte sie den Gedanken erst recht nicht mehr abschütteln. Nur wenn sie John hierher einladen wollte, musste sie wissen, wo genau er sich befand und was er ihr zu sagen hatte. Josephine atmete schwer. Sie versuchte sich einzureden, dass sie diesen Brief vor allem ihrem Vater zuliebe öffnen wollte. Das wäre so viel einfacher als sich einzugestehen, dass auch sie es wollte… 

Mitten in ihrem Kampf mit sich selbst klopfte es an die Zimmertür. Wer konnte das um diese späte Uhrzeit noch sein?

“Ja? Wer ist da?”, fragte sie und schob den Brief hastig unter ihr Kopfkissen.

“Ich bin es, Alice”, hörte sie die vertraute Stimme.

“Komm rein”, erwiderte sie sofort.

Alice trat in ihr Zimmer, die Augen voller Sorge. Ihr Gang war ein wenig merkwürdig, fiel Josephine sofort auf.

“Ich hoffe, ich störe nicht”, sprach Alice äußerst respektvoll und förmlich. Das hatte sie sich wohl selbst zuzuschreiben, dachte Josephine unzufrieden. 

“Natürlich nicht. Komm doch her, hm? Setz dich zu mir”

“Ich stehe lieber”, erwiderte Alice etwas zu hastig. Josephine hob eine Braue. Interessant. Doch bevor sie nachhaken konnte, sprach Alice sogleich “Ich bin hier, weil ich wissen wollte, wie es deinem Vater geht. Hat der Arzt etwas herausfinden können?”
“Ja… zum Glück haben wir nun endlich eine Antwort”, sprach Josephine. “Dafür gebührt ihm mein Dank.” Sie legte eine lange Pause ein, bis Alice fragte “Und… was ist es?”

“Er meinte, er könne seine Hand dafür nicht ins Feuer legen, da er ihn ohne die richtigen Gerätschaften nur äußerlich untersuchen kann, doch die Symptome würden alle auf ein Magengeschwür hindeuten. Mein Dad muss operiert werden, erst dann…” Sie hielt inne, denn die nächsten Worte kamen ihr nicht leicht über die Lippen. “…kann er feststellen, ob es noch Hoffnung für ihn gibt.”

“Oh Phine!” Diesen Spitznamen wieder zu hören tat ebenso gut wie die feste Umarmung, in die Alice sie schloss. Während Josephine noch immer auf dem Bett saß, drückte Alice sie fest an ihre Brust. Josephine gab ein leises Seufzen von sich und schlang beide Arme um Alice’s Körper. Sie fühlte sich warm an und roch so vertraut. Tränen stiegen in ihre Augen. Es brauchte diese traurigen Umstände, um die Nähe ihrer engsten Freundin wieder zuzulassen und dafür schämte sie sich. Sie hätte schon viel früher über ihren Schatten springen sollen.

“Es tut mir leid, wie ich zu dir war”, murmelte sie. Es brannte ihr zu sehr auf der Seele, um es nun unausgesprochen zu lassen.

Alice löste sich wieder ein wenig, um sie anschauen zu können. Sie nahm ihr Gesicht in die Hände und blickte sie liebevoll an. 


“Denk nicht mehr daran, hörst du? Wir halten zusammen und unsere Gedanken sind jetzt nur bei deinem Vater. Ich werde weiterhin fest für ihn beten, das verspreche ich dir.”

Josephine nickte ein wenig. “Wir werden nach London reisen, also Docteur Bénin und mein Vater müssen dorthin. Er sagte, es fehlten ihm hier die richtigen Gerätschaften und seine Assistenz. Natürlich werde ich sie begleiten.”

Alice nickte verständnisvoll. “Ich wünschte, auch ich könnte bei euch sein… nur kann ich die Kinder nicht alleine lassen. Vielleicht kann Finnegan mit euch kommen? Natürlich kann ich das nicht einfach anbieten ohne ihn vorher zu fragen”, fiel ihr dann selbst ein wenig erschrocken auf, ganz als hätte sie Sorge, jetzt etwas falsch gemacht zu haben.

“Und wer soll dann hier nach dem Rechten sehen, hm? Nein, Finnegan wird in meiner Abwesenheit genug zu tun haben, das Gut zu betreuen”, erwiderte Josephine.

“Oh Phine… diese Aufgabe wird ihm sicherlich eine Ehre sein”, sprach Alice glatt ein wenig ehrfürchtig. Josephine nickte. “Sollte sie auch. Er hat es weit gebracht, vom Stallburschen zum Edelmann. Natürlich ist sein größter Lohn, dich zur Frau zu haben”, fügte sie hinzu, bemüht darum, sich mit diesem Spruch wieder ein wenig wie sie selbst zu fühlen. 

“Dann nimmst du wohl Everett mit”, riet Alice. Sie gab sich alle Mühe, das nun ihrerseits respektvoll hervorzubringen. “Falls ich ihm bezüglich anmaßend war, möchte auch ich mich entschuldigen. Es scheint ihm abgesehen von seinen Manieren ja wirklich ernst mit dir zu sein.”

Josephine biss sich auf die Lippe. Nein, bei dem, was sie womöglich vor hatte, wäre Everett wohl ganz und gar fehl am Platz. Aber all das hing an dem Stück Papier unter ihrem Kopfkissen.

“Ich weiß es noch nicht”, sprach sie dann schnell. “Wichtig ist, dass es bald passiert. Doch Docteur Bénin sagte, dass noch einige Vorbereitungen getroffen werden müssten. Er hat ein Telegramm an seine Praxis in London geschickt. Wir werden wohl innerhalb der nächsten Tage aufbrechen.”

“Ich werde deine Koffer packen, das ist das Mindeste, was ich tun kann”, beschloss Alice. “Dein Stubenmädchen ist eine Zumutung. Ständig bringt sie die Dinge durcheinander.”

“Ja, nicht wahr? Und ich muss mir nachsagen lassen, ich sei kleinlich”, warf Josephine sogleich ein.

“Naja, kleinlich? Viel eher bist du jähzornig und unberechenbar. Das lässt die Bediensteten Angst vor dir haben. Allerdings verdienst du dir so nicht gerade Respekt. Sie gehen nur wie auf Eierschalen und dir aus dem Weg.” 

So viel Ehrlichkeit hatte Josephine nun nicht erwartet, vor allem nicht in ihrer derzeitigen Situation. Andererseits tat es auch gut, so etwas von Alice zu hören. Es fühlte sich wie Normalität an und erinnerte sie an Zeiten, zu denen sie als ihre Freundin kein Blatt vor den Mund genommen hatte. Jetzt, da sie sich wieder näher waren, hatte sie auch das Gefühl, es besser akzeptieren zu können.

“Wenn all das vorbei ist, werde ich versuchen, Dinge zu ändern”, versprach sie. Zur Belohnung küsste Alice ihre Stirn.

“Das klingt gut. Jetzt ruh dich ein wenig aus, ja? Ich kann dir noch etwas Baldrian bringen.”

“Es wird schon gehen”, erwiderte Josephine. “Aber danke.” Sie lächelte ein wenig. So konnte es gerne immer zwischen ihnen sein. 

“Also gut. Dann schlaf schön, ja?”

Josephine nickte. “Danke, Ally. Du auch, ja?”

Als Alice den Raum verlassen hatte, nahm Josephine noch ein paar tiefe Atemzüge. Es war ganz seltsam. So schrecklich die ganze Situation auch war, sie hatte es geschafft, gute Dinge wie diese hervorzubringen. Alice an ihrer Seite zu wissen, das gab ihr das tiefe Gefühl, auch andere Hindernisse überwinden zu können. Sie holte den Brief unter dem Kissen hervor und riss den Umschlag beherzt auf. 

Das Briefpapier sah hochwertig aus, was sie in dem Gedanken bestärkte, dass er sich womöglich bei dieser Dutchess aufhielt. Oder lebte er bei einem neuen Arbeitgeber? Sie blätterte den Brief auseinander. Ob sie ihre Antworten nun erhalten würde? Das Herz schlug ihr bis zum Hals.

Sie las die ersten beiden Worte und prompt riss es ihr den Boden unter den Füßen weg. 


Geliebte Josephine” stand dort in seiner unruhig- hübschen Schrift und sie fühlte sich nicht in der Lage, weiterzulesen. Sie musste immer wieder auf diese beiden Worte starren, die so viel Bedeutung bargen, dass ihr schwindelig wurde. Er nannte sie seine Geliebte. Nach all der Zeit und obwohl sie nicht einen seiner Briefe beantwortet hatte. Ging es ihm also wie ihr? Schwirrte auch sie ständig in seinem Kopf herum? Eigentlich war es recht einfältig, sich das zu fragen, fiel ihr auf. Denn warum sonst sollte er ihr so regelmäßig schreiben wenn nicht, weil er sie nicht vergessen konnte? 

Sie starrte auf den Anfang des Briefes und fühlte sich langsam idiotisch. Sie musste aufhören mit diesem Unsinn. Den Mut besitzen weiterzulesen, das brauchte sie nun.

Noch einmal sammelte sie sich, dann brachte sie sich dazu, über die erste Zeile hinaus zu lesen.

“Nun sind es auf den Tag genau vier Jahre, seit ich dich verloren habe. Je näher der zweifelhafte Jahrestag rückte, desto häufiger musste ich wieder an all das denken, was geschehen ist. Bridget sagte mir dazu, es sei töricht, eines schlechten Tages zu gedenken. Jahrestage seien Feierlichkeiten vorbehalten, nicht Todestagen oder Tragödien. Ich weiß nicht, ob ich ihr darin Recht geben soll.”

Josephine spürte einen Stich in ihrer Brust. Wer zum Teufel war diese Bridget und wie konnte sie es wagen, John blöde Ratschläge zu erteilen? Die brauchte er ganz sicher nicht! Andererseits nagte an ihr, dass er Dinge erwähnte, als müssten sie längst klar sein. Sicher, nach exakt 48 Briefen – ja, sie hatte mitgezählt, denn sie war absolut idiotisch- erklärte er nicht jede Sache von vorne, da er sicher nicht davon ausging, dass sie seine Post annahm, nur um sie dann zu verbrennen. Jetzt wünschte sie sich, sie hätte sie aufbewahrt und vor sich selbst versteckt, sodass sie jetzt, wo sie den Wunsch verspürte, in seinen Briefen hätte stöbern können wie in einem Buch. Doch dafür war es nun wohl zu spät und sie musste mit dem zurechtkommen, was sie hatte- so wenig es ihr auch schmeckte.

“Denn so furchtbar es ist, an den Tag zu denken, an dem ich dich durch diesen unverzeihlichen Fehler verloren habe, lehrt es mich auch einiges. Dich verloren zu haben hat mir über alle Maßen verdeutlicht, wie sehr ich dich als Frau an meiner Seite haben wollte. Ich schreibe das, als sei es längst vergangen, auch wenn wir sicherlich beide wissen, dass dem nicht so ist. Andernfalls würdest du nicht diesen Brief in der Hand halten wie ein Relikt aus alten Zeiten. Immerhin rät mir die Dutchess nicht, dich ebenso wie einen Unglückstag hinter mir zu lassen, womöglich weil sie weiß, dass das für mich ein schier unlösbares Unterfangen wäre. 

Wieder hielt Josephine inne. Diese Zeilen waren wie Balsam für ihre Seele. Wenn er nach all der Zeit wirklich noch so an ihr hing, wie er es schrieb, fühlte sie sich weniger allein mit ihren Gefühlen. In manchen Momenten hatte sie wirklich schwer an sich gezweifelt, fragte sich, ob sie sich von etwas den Schlaf rauben ließ, was sie aus der damaligen Perspektive eines Teenagers viel zu viel in einer kleinen sommerlichen Liebschaft sehen ließ. Doch ihm ging es nicht besser als ihr. Zwischen ihnen war etwas Besonderes gewesen. Nur leider hatte er es zerstört. Sie auch, sagte ihr da ein kleines Stimmchen im Hinterkopf, doch sie schob es beiseite und las stattdessen weiter. 

Noch immer verwalte ich die Buchführung des Anwesens der Forsyths. Ich hoffe doch, du hast dich inzwischen etwas besser in das Thema eingelesen und entlastest somit deinen armen, alten Herren. Ich weiß, wie unglaublich trocken diese Arbeit zuweilen sein kann, doch sie muss gemacht werden.

Josephine verzog das Gesicht. Typisch er. In einen Liebesbrief noch eine Ermahnung zu packen schaffte wohl sonst kaum einer. Sie wollte gar nicht weiter über das Geschriebene nachdenken und überflog stattdessen die nächsten Zeilen.

Während ich das so schreibe, denke ich daran, wie gerne ich jetzt bei dir wäre, um dich selbst diese Dinge zu fragen. Ich vermisse es, in deine Augen zu schauen, während du unbehaglich nach Ausreden suchend herumdruckst. Was mache ich mir vor, ich vermisse alles an dir, jede noch so kleine Geste, die du machst, dein wildes, rotes Haar, dein herzliches Lächeln, dein ungezogenes, aber ausgesprochen hübsch ausgeprägtes Hinterteil… 

Bei diesen Zeilen spürte Josephine tatsächlich, wie ihr die Schamesröte bis zum Scheitel kroch. Dass er das wirklich schrieb! Sie biss sich auf die Unterlippe, spürte, wie kribbelig sie allein von diesen wenigen Worten wurde.

Aber mehr als alles andere vermisse es, dich in den Armen zu halten. Ich weiß, inzwischen habe ich dir all das so oft geschrieben, dass du es womöglich gar nicht mehr lesen magst aber was damals mit Natalie geschehen ist, bereue ich jeden einzelnen Tag. Nicht nur, weil ich damit unser zartes Band zerrissen habe. Nacht für Nacht habe ich dein Gesicht vor Augen, Josephine, wie es mich tief verletzt ansieht. Ich wollte niemals der Mensch sein, der dich so fühlen lässt. Noch immer kann ich selbst nicht fassen, dass ich so schwach war und damit all das zerstört habe, was wir beide hatten. Um deine Vergebung möchte ich nicht bitten, weil ich dir diese nicht abverlangen will, dennoch sollst du wissen, dass mir auf tiefstem Herzen leid tut, was ich dir angetan habe. 

Josephine starrte auf das Papier. Erst als eine Träne herunter tropfte und die Tinte verwischte, spürte sie selbst, dass sie weinte. Sie wischte sich hastig über die Augen. Das zu lesen versetzte sie zurück in die Zeit, in der all das geschehen war. Ihr Schmerz und ihre Trauer über diesen Verlust waren plötzlich allgegenwärtig. Und dennoch, seine Zeilen rührten sie zutiefst. Er spürte seine Tat in all ihrer Schwere. Es tat gut, wie er nichts versuchte zu relativieren sondern stattdessen anerkannte, dass er wirklich Furchtbares getan hatte. War er ihr, was das betraf, womöglich sogar einen Schritt voraus?, fragte sie ein kleines Stimmchen in ihrem Kopf. Was bei Natalie und ihm geschehen war, war schlimmer gewesen, vor allem, weil sie sie auch noch inflagranti erwischt hatte und weil er von Anfang an unehrlich gewesen war. Davon konnte sie niemand abbringen. Doch dass sie auch Sex mit Natalie gehabt hatte… das hatte sie irgendwie bis heute geschafft zu verdrängen. Und so wirklich richtig war das ja auch nicht gewesen. Sie rieb sich über die verweinten Augen, las nun noch die letzten Zeilen. 

Ich war dumm und habe mit dem Scham vor Natalies und meiner Vergangenheit voll und ganz in ihre Karten gespielt. Bis heute bin ich wütend über meine eigene Feigheit.

Dem konnte sie nur beipflichten, dachte Josephine grimmig. Es war derart idiotisch gewesen. Wenn sie ganz ehrlich war, wäre sie ausgerastet, hätte sie davon gewusst und hätte an jeder Stelle vermeintliche Hinweise gesehen. Vielleicht hätte sie so aber auch Schlimmeres verhindern können. 

Das alles sind Dinge, die wohl niemals vergeben oder vergessen sein werden. Vermutlich ist 

es töricht, auf ein Lebenszeichen Deinerseits zu hoffen. Aber ein weiteres Mal will ich Dir schreiben, was ich dir in allen Briefen zuvor schrieb und was unabdingbar so bleiben wird. Ich warte auf Dich, Josephine. Wenn Du dein Glück bei einem Anderen findest, sei das meine gerechte Strafe für die Dinge, die ich Dir antat. Solltest Du jedoch eines Tages selbst einen Weg sehen, der uns wieder zusammenführt, ich werde hier sein.

In Liebe,

Dein John 

Josephine schluckte schwer. Wieder spürte sie Tränen in ihren Augen, doch diesmal waren es keine Tränen der Trauer. Sie nahm das Stück Papier und drückte es fest gegen ihre Brust, holte einige Male tief Luft. Dann erhob sie sich von ihrem Bett, ging an ihren Schreibtisch und kritzelte in aller Eile etwas mit Tinte und Federhalter auf ein Stück Papier. Sie erhob sich, eilte durch die Gänge, bis sie das Dienstbotenquartier erreichte. Sie klopfte an der erstbesten Tür. Verschlafen öffnete ihr einer der Butler. 

“Lady Abbott…” Er verneigte sich tief, wenn auch taumelnd. 

“Ich will, dass das hier gleich morgen früh zum Postamt gebracht wird. Du versendest es als Telegramm, verstanden? Hier unten findest du die Anschrift.”

Der Butler las kurz, was sie ihm in die Hand gedrückt hatte und nickte dann ernst. “Ich werde es erledigen, sobald das Postamt öffnet, Miss Abbott.”

“Gut”, erwiderte sie schlicht. “Gute Nacht.” Und während sie zurück lief, atmete sie einige Male tief durch. An Schlaf war nicht zu denken. Vielleicht sollte sie den Brief noch einmal lesen. Oder einige Male mehr… 

6 Kommentare zu „36. Liebesbrief (Der Privatlehrer)

  1. Traurig – wie viele der jüngeren Privatlehrer-Kapitel – aber wie immer wunderschön geschrieben. Mir gefällt, wie bereits ein Satz, in dem die Worte „ungezogen“ und „Hinterteil“ vorkommen, ausreicht, um Josephine im positiven Sinne zu triggern. Natürlich wüsste ich zu gerne jetzt schon, was sie telegrafieren lässt. Immer diese Cliffhanger 😃

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    1. Sorry! Aber ihr sollt ja alle auf die Fortsetzung gespannt bleiben 😉 Ich kann nur sagen, es geht sehr bald weiter mit der Geschichte. Die arme Josephine ist vollkommen ausgehungert, was ihre unerfüllten Bedürfnisse betrifft 😀 Eigentlich war dieses Kapitel mein Versuch in Richtung Romantik. Sonst definitiv nicht unbedingt mein Genre, aber hier hat es denke ich gerade gut gepasst. Danke für dein Feedback und glg

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    1. Hi Luise, eine Antwort auf beides: Ja, es soll ja auch spannend sein, damit ihr gerne weiterlesen wollt 🙂

      Also ich hab fest eine Fortsetzung geplant, nur geschrieben ist sie noch nicht, daher kann ich dir noch keine hundertprozentige Zusage geben, aber es ist doch sehr wahrscheinlich, dass sie kommt.

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  2. Ich mag die Reihe mit Josephine so gerne. Zählt zu meinen Lieblingsgeschichten. Vor allem weil alles so stimmig ist und passt,auch außerhalb des Hintern Versohlens. Bin auf die Fortsetzung schon sehr gespannt!

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