37. Aufbruch nach London (Der Privatlehrer)

Josephine trat nervös vor der vollgepackten Kutsche auf und ab. Vor etwa einer halben Stunde hatten sie ihren Vater in die Kutsche verfrachtet, die speziell für den Krankentransport mit einer Liege ausgestattet war. Docteur Bènin hatte ihm ein leichtes Beruhigungsmittel verabreicht und Josephine sein Gesicht mit tausend Küssen versehen. Der Doktor würde mit ihrem Vater in der Kutsche reisen, damit er im Ernstfall eingreifen konnte, sollte es ihm schlechter gehen oder er bräuchte eine Pause. Josephine würde mit Natalie in der anderen Kutsche hinterher fahren. 

Die Sache war nur, Natalie war bisher nicht aufgetaucht. Josephine hatte sie seit gestern Nachmittag nicht mehr gesehen, was sie, wie es schien, mehr überraschte als Natalies eigenen Ehemann. Dieser rauchte eine Pfeife und murmelte nur immer mal wieder “Alors” in sich hinein. 

“Ist es nicht seltsam, dass sie nicht hier ist? Wir hatten doch genau über die geplante Abfahrtszeit gesprochen!”, warf Josephine nun ein und sah den Arzt mit einer gewissen Verzweiflung an. Sie konnte nicht verstehen, wie er so ruhig bleiben konnte.

“Das haben wir, da haben Sie ganz Recht, Miss Abbott. Daher denke ich, es ist nicht sinnvoll, noch weiter zu warten.”

Josephine blinzelte ungläubig. “Was soll das heißen… Sie wollen Ihre eigene Frau zurücklassen?” 

“Sie weiß ja, wo sie uns findet”, sprach der alternde Herr vollkommen ruhig. “Sie wird schon hinterher kommen.”

“Ganz wie Sie meinen.” Josephine konnte ihre Verblüffung darüber, wie leichtfertig Docteur Bènin mit dieser Situation umging, zwar kaum verbergen, doch es sollte ihr recht sein, dass es nun so kam. Nicht nur, dass es ihr unter den Nägeln brannte, loszufahren, damit ihr Vater nicht noch länger warten musste. Ein wenig mulmig war ihr bei dem Gedanken, stundenlang allein mit Natalie in der Kutsche zu sitzen, doch geworden. Die Französin war so schonungslos ehrlich und das musste man schon vertragen können. Gerade fühlte sie sich eher nach Trost und Zuspruch als nach diesem seltsamen Mix aus Analysen ihrer Psyche, gemeinen Sprüchen und Schmeicheleien. 

“Dann sehen wir uns später, Mademoiselle. Eine gute Fahrt Ihnen.”

“Passen sie auf meinen Vater auf”, bat Josephine und stieg dann eben alleine in die Kutsche. Die Fahrt verlief schleppend. Ihre Gedanken sprangen von der Angst vor der anstehenden Operation ihres Vaters auf die Ungewissheit, ob sie in London auf John treffen würde. Das Telegramm an ihn war vor drei Tagen verschickt worden. Hatte er es erhalten? Würde er sich nun auf den Weg nach London machen? Oder war er bereits auf dem Weg? Fest stand, sollte er wirklich kommen, war die Erleichterung in Josephine, dass Natalie gerade nicht mit ihr in der Kutsche saß, umso größer.

Sicher, es bestand die Möglichkeit, dass sie nachkommen würde. Es war wohl sogar recht wahrscheinlich. Doch bis dahin hatte sie John vielleicht unter vier Augen begegnen können. Der Gedanke, beide zusammen zu sehen, überforderte sie nicht nur, er machte sie rasend. Sie fürchtete, das wäre der Moment, in dem sie erneut die Beherrschung verlieren könnte und dafür ließ sie ihn ja auch nicht anreisen. Sie wollte nicht die alten Wunden aufreißen. Es war Josephine viel eher daran gelegen, dass John ihren Vater noch einmal sehen konnte. Und wenn sie ganz ehrlich mit sich war, hoffte sie auch auf seine Stärke und seinen Beistand. Wenn das auch nichts für sie beide zu bedeuten haben musste.

Nervös wippte Josephine auf der Sitzbank vor und zurück. Sie konnte sich kaum vorstellen wie es sein würde, ihn nach all der Zeit wiederzusehen. Der Brief hatte sich wie ein Vorgeschmack angefühlt, ganz so als wäre kein Fünkchen ihrer Gefühle zu ihm erloschen. Aber wer wusste schon, wie es wirklich sein würde. Vielleicht fühlte es sich dann auch ganz anders an, womöglich würde sie ihm gegenüberstehen und sich fragen, was sie mal an ihm gefunden hatte. Der Gedanke schaffte es, sie etwas zu entspannen und war ihr tatsächlich gerade der liebste. So wäre es doch gut, nicht wahr? Dann könnte sie endlich all diese Hirngespinste und Phantasien abstreifen und neu anfangen. 

Josephine lehnte sich zurück und schloss die Augen. Gestern Nacht hatte sie vor Aufregung so schlecht geschlafen, dass sie das Schaukeln der Kutsche sofort müde machte. Daher zuckte sie ziemlich heftig zusammen als sie plötzlich jemand am Arm rüttelte. 

„Entschuldigung, Lady Abbott, ich wollte sie nicht erschrecken“ Sie sah in das freundliche, betagte Gesicht des Kutschers. „Aber wir sind jetzt da.“

„Oh… gut“, erwiderte Josephine und rappelte sich auf. Kaum zu glauben, dass sie die ganze Fahrt verschlafen hatte! Sie stieg aus und fand sich vor einem riesigen Backsteingebäude wieder. Das war wohl das Krankenhaus, von dem der Doktor gesprochen hatte. Sie entdeckte nun auch ihn, er stand ein Stück entfernt am Haupteingang des Gebäudes und sprach mit einem anderen Arzt. Währenddessen hievten zwei Männer ihren Vater auf einer Trage aus der Kutsche. Sie eilte sogleich dorthin. 

„Daddy, wie fühlst du dich?“, fragte sie besorgt. 

“Es geht schon, mein Engel”, flüsterte ihr Vater. Er sah sehr blass aus und Josephine spürte, wie das ihren eigenen Puls ansteigen ließ. Sie hätte ihn jetzt so gerne abgeküsst, seine Hand gedrückt und ihm gut zugesprochen, aber die Männer, die ihren Vater transportierten, waren ihr dabei im Weg. Sie wurde wütend auf sie und hätte sie am liebsten beiseite geschubst, auch wenn sie wusste, dass das vollkommen schwachsinnig war. Stattdessen eilte sie hinter ihnen her, bis der Doktor sie am Eingang des Krankenhauses zurückhielt.

“Mademoiselle Abbott, mein Kollege wird Ihren Vater nun noch einmal untersuchen und dann werden wir gemeinsam besprechen, wie wir weiter vorgehen. Warten Sie doch bei mir zuhause. Mein Kutscher kennt den Weg.”

Josephine spürte Widerwillen in sich aufsteigen. Was sagte er da nur? Sie sollte gehen und das Schicksal ihres Vaters einfach so in die Hände anderer legen? Das war nun wirklich zu viel verlangt! 

“Sollte er nicht schnellstmöglich operiert werden? Ich dachte, das geschieht noch heute! Ich werde hier warten.”

“Ihr Vater wird sich vermutlich erst einmal von der Reise erholen müssen. Heute wird nicht mehr viel geschehen, ganz zu seinem Wohl”, erklärte der Doktor ihr. “Warten können Sie in meiner Wohnung. Hier wären Sie nur im Weg.” 

“Ich bitte Sie! Das können Sie nicht ernst meinen! Ich will hier bleiben. Ich werde sicher nicht stören, ich kann mich ganz und gar ruhig verhalten.” Josephine sah Docteur Benin mit einer gewissen Verzweiflung an, doch ein Akademiker wie er ließ sich von ihren großen Augen wohl nur wenig erweichen. 

“Ruhen Sie sich aus, Miss Abbott. Sie scheinen selbst gerade nicht in der besten Verfassung zu sein. Lassen Sie sich von meinem Butler ein Schlafmittel geben. Wir wollen doch verhindern, dass Sie hysterisch werden.”

Charmant war er ja nun wirklich nicht, dachte Josephine und wusste gar nicht, ob sie empört sein sollte. Gerade war sie dazu wirklich zu erschöpft. Müde trottete sie also zurück. Der Schlaf in der Kutsche hatte sie scheinbar überhaupt nicht erholt. Dr. Bénins Kutscher hielt ihr die Wagentür auf und wenig später trabten die Kutschpferde manierlich durch das kühle London. Die Fahrt konnte kaum als solche bezeichnet werden, denn nur Minuten später erreichten sie ein hübsches Anwesen mit hohen, schmiedeeisernen Zäunen und einer frischen, weißen Fassade.

Josephine ließ sich aus der Kutsche helfen. Sie wusste nun wirklich nicht, wie sie die Zeit überbrücken sollte, bis man ihr endlich sagen würde, wie es weiterging. Nun wäre sie doch ganz dankbar für Natalies Gesellschaft, immerhin würde das Zerstreuung bedeuten. Ob sie wohl bald nachkäme?

Kaum im Haus angekommen, brachte man sie in den Salon und servierte ihr Tee und Beruhigungsmittel. Josephine fühlte sich alleine an dem riesigen Tisch aus Mahagoni, vollkommen fehl am Platz und einsamer denn je. Sie hielt die Tasse an ihre Lippen und ließ den heißen Dampf in ihr Gesicht steigen, bis es unangenehm warm wurde. Wäre nun doch wenigstens Rhett bei ihr, dachte sie seufzend. Oder aber…

“Miss Abbott? Jemand für Sie an der Tür wegen Ihnen.” Der Butler der Bénins riss sie aus ihren Gedanken. Sie zuckte fast unmerklich auf, doch das genügte schon, damit einige Spritzer des heißen Tees aus der vollen Tasse auf ihrem Kleid und ihrer Hand landeten. Sie widerstand gerade so dem Impuls, die Tasse fallen zu lassen, stellte sie vorsichtig ab und sah zu dem Mann auf.

“Für mich?”, wiederholte sie überrascht. Konnte es jetzt schon neue Informationen von dem Krankenbett ihres Vaters geben?

“Ja, ein Monsieur möchte sehen votre Person”, erklärte der Butler ihr mit dieser gewissen, geduldigen Höflichkeit, die mehr zeigte, dass er ungehalten war, als jede Unfreundlichkeit es gekonnt hätte. Außerdem sprach er mit so stark französischem Akzent, dass sie ihn kaum verstand.

Josephine erhob sich von ihrem Stuhl. Innerlich grübelte sie. War das womöglich Everett? Vielleicht war er bei ihr zuhause aufgeschlagen, hatte erfahren, dass sie abgereist war und suchte nun nach ihr. Im Grunde fühlte sie sich auch zu erschöpft, um groß darüber nachzugrübeln. Sie folgte dem Butler aus dem Salon in Richtung Tür.

Wahrscheinlich war es einfach ein Mitarbeiter des Krankenhauses. Denn dass sie ihr Telegramm nach Schottland verschickt hatte, war erst vier Tage her. Das war doch sehr wenig Zeit für die lange Anreise. Unmöglich also, dass…

Josephine blieb so abrupt stehen, dass sie beinahe über ihre eigenen Füße gefallen wäre. Mit riesigen Augen starrte sie zu der noch mindestens zehn Meter entfernt liegenden Eingangstür. Dennoch erkannte sie auf den ersten Blick, mit absoluter Sicherheit, dass in dieser John Buchanan stand. Er trug zwar einen schwarzen Mantel und einen Zylinder, was das meiste von ihm verdeckte, noch dazu stand er im Halbdunkel, nur beleuchtet von den schwach flackernden Straßenlaternen. Doch sie hätte ihn augenblicklich aus Zehntausenden heraus erkannt. 

“Lady Abbott? Ist Ihnen nicht gut?”, fragte der Butler. Sie musste wohl kreideweiß sein. Das war gelinde gesagt überfordernd. Ihr Herz, das zuerst ein paar Schläge ausgesetzt hatte, raste nun wie verrückt. 

“Darf ich eintreten?”, hörte sie ihn zu dem Bediensteten an der Tür sagen, bedächtig ruhig und dennoch mit diesem gewissen Selbstbewusstsein in der Stimme.

“Un moment”, rief der Butler herüber und sah dann wieder Josephine an. “Mademoiselle?”

Sie nickte nur, fühlte sich nicht einmal in der Lage auch nur ein Wort von sich zu geben. Der Butler gab dem Jungen an der Tür mit einer Geste zu verstehen, dass er den Gast hereinbitten sollte. Dieser trat sogleich über die Schwelle, legte den Mantel ab und reichte diesen mitsamt seinem Zylinder dem Jungen. 

“Ich bin gekommen, so schnell ich konnte”, erklärte er Josephine, ganz so, als hätten sie sich gestern erst zuletzt gesehen. “Im Krankenhaus hat man mir diese Adresse gegeben.” Mit schnellen Schritten kam er auf sie zu. Sie starrte nur zu ihm hinauf. Er sah aus wie immer. Er sprach mit ihr wie immer. Das hier war vollkommen surreal. “Ich bin froh, dass ich dich gefunden habe.” 

Das sagte er mit einer Wärme in der Stimme, die ihre Knie weich machte. Was war denn bloß los mit ihr? Wieso bekam sie nichts über die Lippen, starrte ihn gar an wie eine Geistererscheinung? So kannte sie sich selbst nicht. 

“Im Salon gibt es Tee”, hörte sie sich mit piepsiger Stimme sagen, dann ging sie los wie ferngesteuert. War das gerade wirklich aus ihrem Mund gekommen? Sie hätte sich am liebsten geohrfeigt. Was stimmte denn nicht mit ihr?! 

Doch eigentlich wusste sie es. Sie hatte sich fest vorgenommen wütend auf ihn sein, wenn er vor ihr stand, sehr wütend sogar und ihn ihre geballte Ablehnung so hart spüren zu lassen, bis er nicht nur in seinem Brief, sondern auch in Fleisch und Blut vor ihr zu Kreuze kroch und sie um Verzeihung bat. Erst dann, wenn sie ihn genug hatte büßen lassen, würde sie ein wenig gnädiger und gefälliger werden. Und wer wusste, was dann geschehen könnte…

So ihr bisheriger Plan. Doch sie war ihm nicht kühl und wütend gegenübergetreten und er ihr nicht wie ein getretener Hund. Er war mit viel zu viel Selbstbewusstsein hier herein marschiert. Ein Umstand, der sie nun aber wirklich zum Kochen bringen sollte. Doch das alles klappte nicht so recht wie geplant. 

Völlig in diese Gedanken versunken ließ sie sich auf ihren vorherigen Platz an der Tafel sinken. John nahm auf dem Stuhl direkt neben ihr Platz anstatt am gegenüberliegenden Kopfende. Der Butler rümpfte pikiert die Nase und blieb nur unweit von ihnen stehen, ganz  wie eine Anstandsdame. Sein Gehabe und der Gedanke, dass sie jetzt etwas anstellen könnten, war so absurd, dass Josephine beinahe laut gelacht hätte, hätte sie sich gerade nicht so schwach gefühlt. 

“Wie geht es deinem Vater?”, fragte John sie mit vertraulich-ruhiger Stimme und gab sich redlich Mühe, ihr trotz gesenktem Blick in die Augen zu sehen. “Dass es ihm so schlecht geht, tut mir unglaublich leid. Er ist ein großartiger Mensch.” 

“Nicht gut”, flüsterte Josephine. “Seit Monaten nicht. Kein Arzt hat herausgefunden, was ihm fehlt. Wäre Dr. Bènin nicht gewesen…” Sie schluckte, spürte, wie Tränen in ihre Augen stiegen. Es war anstrengend daran zu denken. Sie war so müde. 

“Ich verstehe. Was für ein Geschenk des Himmels, dass er auftauchte”, erwiderte John. Sie hatte noch nie so viel Mitgefühl in seiner Stimme gehört. Ungewohnt. Aber überhaupt nicht auf eine unangenehme Art und Weise. “Und nun werden sie ihn operieren?”

“Ja. Also, ich dachte, das tun sie, so schnell sie können, aber nun soll ich doch wieder bis morgen warten, ich darf nicht einmal bei ihm bleiben. Was, wenn heute Nacht etwas geschieht und ich sitze untätig hier herum? Ich verstehe nicht, wie sie mir das antun können!” Josephine wusste nicht einmal, wer genau ihr das antat, aber sich den Frust von der Seele zu reden, half in diesem Moment. 

“Sie werden dir ganz bestimmt Bescheid geben, wenn etwas geschieht”, sprach John ihr gut zu. Sie blickte zu ihm auf. 

“Meinst du wirklich?”, flüsterte sie. Seine Worte waren profan, aber dennoch unendlich hilfreich. 

“Ja, ganz sicher”, erwiderte er und sah sie fest an. Sein Blick war warm und voller Zuneigung. Sie seufzte innerlich. Gerade tat es so gut, ihn als ihn selbst und nicht als gebrochenen Mann zu sehen. Bei all dem Halt, den sie in ihrem Leben gerade ohnehin verlor, hätte sie das womöglich gar nicht ertragen. Doch nach all dem, was er ihr geschrieben hatte, war sie doch überrascht, wie er nun vor ihr saß. Sie hatte definitiv mit mehr Demut gerechnet. 

“Sie haben mir ein Schlafmittel gegeben”, sagte sie dann plötzlich. “Ich weiß nicht, wie lange ich mich noch wach halten kann.” Vielleicht war sie müde, vielleicht wusste sie auch einfach nicht so ganz mit dem hier umzugehen. Es war wirklich vollkommen anders, als sie sich ihr Wiedersehen vorgestellt hatte. 

Josephine hatte sich mit dieser Erwartungshaltung an einen niedergeschlagenen John, der sie mit großen Augen um Verzeihung bat, fest vorgenommen, ihm auf der Stelle all seine Fehler um die Ohren zu hauen und wozu sie geführt hatten. Sie hatte ihm aufs Butterbrot schmieren wollen, wie exzessiv sie ohne ihn gelebt hatte, dass sie jetzt in einer glücklichen Beziehung mit einem Anderen war. Aber jetzt spürte sie weder den Groll von zuvor in sich, noch das Bedürfnis, ihm weh zu tun. Dazu tat seine Anwesenheit ihr gerade viel zu gut. 

Viel eher hätte sie sich nun gern an seine breite Schulter gelehnt oder sich in seine Arme geworfen und festhalten lassen, sich so richtig ausheulen, bis sie einschlief. Das war natürlich keine realistische Option, so sehr konnte sie sich unmöglich gehen lassen. 

“Das war eine gute Idee”, fand John. “Du brauchst ein wenig Schlaf. Dein Vater wird sich nur um dich sorgen, wenn er dich so sieht.”

Wie recht er hatte, dachte Josephine innerlich seufzend. Jedes einzelne Mal, wenn sie vor Erschöpfung neben seinem Krankenbett eingeschlafen war, hatte ihr Vater sich, wenn er zu sich kam, solche Sorgen um ihr Wohlbefinden gemacht, dass damit auch keinem geholfen war. Klug war das vermutlich nicht gewesen, doch sie hatte nicht aus ihrer Haut gekonnt. 

“Dann sehen wir uns morgen, ja?”, sprach John plötzlich. 

“Wo gehst du denn hin?”, fragte Josephine, beinahe schon empört.

“Ich suche mir eine Unterkunft für die Nacht”, erklärte John. “Gleich morgen früh komme ich wieder her und begleite dich ins Krankenhaus, wenn du möchtest.”

Josephine schüttelte den Kopf. Erst nur ein wenig, dann vehement. “Du kannst doch hier bleiben, das Haus ist riesig! Ich möchte, dass Sie Mr. Buchanan ein Zimmer vorbereiten”, sprach sie dann mit entschlossener Stimme in Richtung des Butlers. 

“Lady Abbott, ich weiß keinen neuen Visiteur von Docteur Bènin”, erklärte der Butler mit starkem Akzent. Diese arroganten Franzosen, eine Plage! Der sollte sich bloß nicht so anstellen.

“Das geht schon in Ordnung”, sprach Josephine sogleich dagegen. “Mr. Buchanan ist ein Freund der Familie. Mein Vater kann Ihnen das bestätigen.” Sie wunderte sich selbst, mit wie viel Kampfgeist in der Stimme sie das noch hervor brachte. Doch sie war fest entschlossen, John nun nicht nach einer ewig langen Reise hinaus in die Kälte zu schicken und im nächtlichen London nach einer Unterkunft suchen zu lassen. “Er kann bei mir schlafen”, bluffte sie sogleich als Satz hinterher, im vollen Bewusstsein, dass das sicher nicht im Sinne des verklemmten Butlers wäre.

John murmelte “Lass mich das machen” und wandte sich dann an den Butler. “Excusez les circonstances. Je voudrais me présenter personnellement, je m’appelle John Buchanan. Maintenant, le fait est que Mademoiselle Abbott ne va pas bien. Bien sûr, nous utiliserons toutes les formes de décence si vous me donnez une chambre séparée. Je vous en serais infiniment reconnaissant.”

Hätte Josephine im Französischunterricht nicht gepennt, dachte sie, dann würde sie jetzt auch mehr verstehen als “Zimmer” und “Entschuldigen Sie”. Aber der Butler schien ihm nach dieser Ansprache direkt etwas wohlgesonnener zu sein. 

“Bien sûr. Je vais préparer la chambre d’amis pour vous.” 

“C’est très gentil de votre part. Merci beaucoup”, erwiderte John freundlich. Josephine huschte ein kleines Lächeln über die Lippen.

“Das hab ich jetzt verstanden, er hat Ja gesagt.”

“Dein Französisch hast du wohl nicht aufgebessert”, sprach John spielerisch mahnend und sie musste sogar kopfschüttelnd lachen. Sie war gerade so erleichtert, dass er sich nicht in falscher Bescheidenheit übte, sondern ihr das Gefühl gab, dass der kleine Kampf, den sie für ihn ausgefochten hatte, auch zu etwas gut war. 

Ganz behutsam und wie zufällig schob sie die Fingerspitzen gegen seine auf dem Tisch liegende Hand. Er strich zur Antwort mit dem kleinen Finger über ihren Handrücken.

Sie atmete durch, spürte, wie Erleichterung sie durchströmte. Was für ein Glück, dass er nun hier war. 

18 Kommentare zu „37. Aufbruch nach London (Der Privatlehrer)

  1. Liebe Autorin, ich hoffe, du bist mir nicht böse, wenn ich feststelle: diese Folge ist nur ein Appetithäppchen. Aber natürlich ist es ein absolut notwendiges Zwischenstück , damit die Handlung vorankommt in die Bereiche,
    Weswegen ich deinen Blog lese:
    SPANKING und SEX.
    Ich würde dir weiter viel KREATIVITÄT und Lust am Schreiben.

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    1. Hallo Helmut,

      keine Sorge, ich bin dir nicht böse, mir ist klar, warum du den Blog verfolgst 😉
      Ich hab damit keine Schmerzen, es soll sich jeder aus meinen Geschichten das herausnehmen, was ihn persönlich am meisten bereichert.

      glg

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  2. Endlich! Freue mich, dass die Beiden sich nun wieder getroffen haben. Ich finde die Geschichte super schön und bin gespannt, wie es weiter geht. Klar, dein Blog ist eig auf Spanking Geschichten ausgelegt, aber ich mag auch die Teile ohne. Ich finde es einfach großartig, dass Du eben nicht plumpe Haudrauf Storys schreibst, sondern deine Charaktere Entwicklungen durchleben. Ich bin sicher, dass auch bei den Privatlehrer Geschichten wider ein spanking Anteil vorkommen wird und Josephine sich das ein oder andere mal daneben benehmen wird 😉.
    Im übrigen, bin ich beeindruckt davon, wie viele Sprachen Du auch schriftlich beherrschst. Deine Geschichten enthalten neben Deutsch und Englisch ja auch noch spanisch und Französisch. Respekt.

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    1. Hi Luise,

      Du sagst es… es ist jetzt gerade eine Phase und ob es wiederkommt und wie intensiv…. das muss dann einfach abgewartet werden 🙂 Will ja nix vorwegnehmen.
      Najaaaa…. also beherrschen ist zu viel gesagt. Englisch spreche und verstehe ich tatsächlich fließend, aber mein Schulfranzösisch hat kaum gereicht um mir sicher zu sein, ob diese Sätze nun korrekt sind. Damals beim Kapitel, in dem Mr. Buchanan schon einmal Französisch sprach (Stubenarrest) habe ich extra eine Bekannte drüberschauen lassen, ob das so korrekt ist. Diesmal musste Google Übersetzer und die Rechtschreibkorrektur dabei helfen und ich habe keine Ahnung, ob das so komplett richtig ist. Aber da Mr. Buchanan ja auch kein Muttersprachler ist, ist es nicht ganz so wild 😀
      Spanisch versuche ich gerade ebenfalls ein bisschen zu lernen und kann zumindest ein paar Brocken. Aber auch hier muss der Google Übersetzer helfen.
      Aber für die Authenzität liebe ich es einfach, solche kleinen Wortfetzen und/oder Sätze einzubauen.

      Aber vielen Dank für deine lieben Worte und das Kompliment 🙂
      glg
      rbg

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  3. In der Tat:
    unsere Autorin ist polyglott😀
    Spreche Bewunderung aus!
    Ich habe nur eine Sprache im Gymnasium gut gelernt: Latein
    Nutzt mir heute wenig

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    1. Eher sprachaffin als polyglott. Aber danke trotzdem!
      Latein kann ich so gar nicht. Als Mediziner könnte es noch sinnvoll sein… oder als Botaniker? Um sich mit einem alten Römer, der durch eine Zeitmaschine gefallen ist, zu unterhalten, bringt es vielleicht auch was 😉
      glg

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  4. Ich fand es gut, dass Josephine aufgrund der Umstände zu matt war, um John all ihre Vorwürfe an den Kopf zu schleudern – was eine „normal-angriffslustige“ Josephine bestimmt getan hätte. So wird es vielleicht wieder etwas zwischen den beiden. Es sei ihnen zu gönnen, auch im Interesse des Potenzials für versohlte Hintern. 😊

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  5. Wie schön, endlich sind die beiden wieder vereint 🙂 Ich verfolge deine Geschichten sehr gerne und die Spanking- und Sexszenen sind mittlerweile fast zur Nebensache geworden – aber nur fast 😉 Es ist faszinierend, wie du gerade mit der Privatlehrer-Geschichte eine kleine Fantasiewelt geschaffen hast. Vielleicht hast du das schon mal irgendwo geschrieben, aber in welcher Zeit spielt die Geschichte eigentlich?

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    1. Hallo Lieselotte,
      das ist ja glatt Musik in meinen Ohren 🙂 Ich hoffe ja immer, dass die Story auch abgesehen von Spanking gerne gelesen wird und daher freut mich das Feedback natürlich sehr. Ich mach mir den Druck auch nicht (mehr) auf Teufel komm raus Spankingszenen einzubauen wenn es gerade nicht passt.
      Also die Story ist angesiedelt im viktorianischen England gegen Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts, also etwa 1870. Ich versuche zu recherchieren, damit alles in der Story so sauber wie möglich ist, aber bin natürlich nie immun vor Fehlern.

      glg und danke für Deinen Kommentar 🙂

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      1. Das freut mich, wenn es dich freut 😉 Ich denke, es ist wirklich so, dass sich jeder aus den Geschichten heraus nimmt, was ihm gefällt. Ich mag es, dass die Figuren alle einen richtigen Charakter mit Stärken und Schwächen haben (auch wenn mich die unfeministische Einstellung von John richtig auf die Palme bringen kann ;-)) und wir verfolgen dürfen, wie sich deren Beziehung zueinander gestaltet und entwickelt. Mich spricht es ehrlich gesagt mindestens genauso an, wenn Josie und Josephine mit Augenzwinkern und Nachsicht behandelt werden, wie wenn sie bestraft werden
        Vielen Dank für die Info! Meine Frage hat gar nicht so sehr auf historische Genauigkeit abgezielt, keine Sorge.

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  6. Liebe Autorin,

    ich habe die Abenteuer von Josephine und ihrem Privatlehrer heute erst entdeckt und alle Kapitel in einem Rutsch durchgeackert. Ich habe die Spankingszenen genossen, bei den zarten Liebeszenen der beiden Protagonisten mitgefiebert, die verruchte Französin gehasst und war geschockt über den Plottwist, die Trennung unseres Paares und den nachfolgenden Zeitsprung von 4 Jahren, in denen Phine sich so sehr gehen ließ. Umso begeisteter war ich von ihrem Wiedersehen mit John und kann kaum erwarten, wie es weitergeht. Da du aber schon seit 2020 an der Serie arbeitest, werde ich mich wohl noch gedulden müssen?
    Jedenfalls ein großes Lob für deinen gefühlvollen, intensiven und mitreißenden Stil! Danke sehr und weiter so!

    Tommi

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    1. Hi Tommi,

      Es freut mich wahnsinnig, dass dir die Geschichte gefallen hat und du so mitfiebern konntest! Wenn du das alles so empfunden hast, wie ich es beim Schreiben auch gemeint habe, scheine ich ja einiges richtig gemacht zu haben. Sehr schön!
      Also ich schreibe schon regelmäßig an der Geschichte, aber da ich auch andere Stories hier veröffentliche, würde ich schätzen, dass Updates etwa monatlich kommen. Schon das dritte Jahr schreibe ich inzwischen an dieser Story… echt verrückt 🙂
      Ich danke dir für deine lieben Worte und hoffe, es wird dir auch weiterhin gefallen.

      glg
      rbg

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