1.1 Wiedersehen (Onkel Jeff)

Besuch bei Onkel Jeff

Kapitel 1 Teil 1

a/n: Das ist das erste Kapitel der Reihe, an der ich gerade schreibe. Ich hoffe, sie gefällt!

„Guten Morgen, Josie“ Die Augen des Mannes, der ihr gegenüber stand funkelten vergnügt, während er die Arme in einer einladenden Geste ausbreitete. Die junge Frau ging nicht auf diese Einladung ein. Viel eher machte sie noch einen halben Schritt zurück, auch wenn ihre Augen ihn unverwandt anstarrten. Ihre Erinnerungen an Onkel Jeff waren über die knapp 20 Jahre kaum verblasst, anders als als viele andere Dinge. Er hatte freundliche Augen und ein einnehmendes Lächeln. Doch da noch etwas anderes, seine Art zu sprechen, seine Ausstrahlung, seine Körpersprache hatten ihr stets dieses flaue Gefühl in der Magengegend verpasst, diesen unumstößlichen Respekt eingeflößt.

Seit sie erwachsen war, hatte sie diese Gefühle für Übertreibung gehalten, die Hirngespinste eines Kindes, das es nicht besser wusste. Aber jetzt stand er vor ihr und genau das selbe Gefühl wie damals breitete sich wieder in ihrem Magen aus. Es kribbelte beinahe unangenehm und sie wusste gar nicht so richtig wohin mit sich.

Ihr Gegenüber schmunzelte. „Keine Begrüßung? Na gut. So werden das aber keine angenehmen vierzehn Tage für uns beide, meine Liebe.“ 

„Ach nein?“, war ihre prompte Erwiderung und bevor sie weiter blöd in der Tür herum stand, schob sie sich lieber an ihm vorbei ins Haus. Weil er nicht wirklich Platz machte, streifte dabei ihr großer Koffer sein Hosenbein und sie erschien provokativer als beabsichtigt. Wobei, was beabsichtigte sie denn? Respektheischend hin oder her, Onkel Jeff, wie sie ihn als Kind immer genannt hatte und was sich nun in ihr Gehirn eingebrannt hatte, obgleich er gar nicht wirklich ihr Onkel war, war ein erwachsener Mann und sie inzwischen eine erwachsene Frau von fast 30 Jahren. Es gab keinen Grund mehr für sie, vor irgendwem zu kuschen oder klein beizugeben.

Es war nett von ihm, sie in ihrer Not bei sich aufzunehmen, aber sie hielt nichts von konservativen Ansichten und wenn er da nicht grundlegend etwas verändert hatte, war er da noch eher ein Vertreter der alten Schule. Er stammte ursprünglich aus Amerika, Texas, wenn sie sich richtig erinnerte und hatte ihr damals das eine oder andere Mal erklärt, dass man „Dinge bei ihm zuhause ganz anders geregelt“ hätte. Da gab es Konfliktpotenzial und konfliktscheu war sie ganz und gar nicht, wenn es um Kerle ging, die mit ihren Ansichten noch im letzten Jahrhundert feststeckten.

„Wie geht es deinem Vater?“, fragte Onkel Jeff und nahm ihr dabei wie beiläufig den Koffer aus der Hand.

„Ich kann das selbst, danke“, versuchte sie zu widersprechen, aber er schien das gar nicht erst gehört- oder gehört haben zu wollen?

„Ihm und Lisa geht es den Umständen entsprechend gut. Diese Termiten sind verdammt hartnäckig und jetzt haben sie einen neuen Kammerjäger engagiert. Aber das wird wohl noch dauern“ Innerlich seufzte Josie. Ausgerechnet, als es sie nach all den Jahren beruflich an ihren Heimatort zurückgeführt hatte, mussten die Dinge so gründlich schief laufen. Das Haus ihres Vaters, in dem sie hatte unterkommen wollen war völlig konterminiert und so kurzfristig hatte es mit einem Hotel nicht hingehauen- nicht zuletzt weil sie chronisch pleite war. Beinahe sofort hatte sich Jeffrey, ein langjähriger Freund ihres Vaters angeboten. Ihm gehörte schon immer dieses riesige Haus, in dem sie als Kind so gerne jeden noch so versteckten Winkel erkundet hatte. Vielleicht machte das auch das Bauchkribbeln- die Magie von damals, die sie jetzt wieder spürte.

„Das tut mir wirklich leid für Andreas“, seufzte Onkel Jeff. Onkel Jeff… wieso konnte sie nicht aufhören, ihn in ihrem Kopf so zu nennen? Das war wirklich ziemlich lächerlich, schalt sich Josie selbst. „Aber komm, wir bringen erst einmal deinen Koffer hoch. Ich hab dir das blaue Zimmer vorbereitet.“ „Danke“, erwiderte Josie und gab sich dabei betont locker, als würde sie mit einem guten Freund reden. „Du bist echt meine letzte Rettung, ohne dich wär ich wohl auf der Straße gelandet.“

Sie sah etwas Missbilligendes in Onkel Jeffs Blick, als er begann, die Treppe nach oben zu beschreiten.

„Wie kann das denn eigentlich sein? Eine kluge junge Frau wie du wird sich ja wohl etwas Geld für Fälle wie diese auf die hohe Kante gelegt haben“

„Meine hohe Kante wird irgendwie regelmäßig geplündert“, lachte Josie ein Lachen, das irgendwie gekünstelt klang, da es nicht die erhoffte Wirkung erzielte, die Stimmung aufzulockern. Der Blick des Onkels wurde kein bisschen weniger streng.

„Hm“, machte er. „Jetzt hast du ja mich.“ Eine komische Aussage, fand Josie. Irgendwie verbindlich, als hätte er noch etwas vor mit ihr. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass er sie von nun an finanzieren wollte, also was meinte er damit? Eilig schob sie den irgendwie unangenehmen Gedanken beiseite.

Das Zimmer war hübsch, genau wie in ihrer Erinnerung. Obwohl sich hier so gut wie nichts verändert zu haben schien, schien das Mobiliar nicht altbacken, aber auch nicht stilvoll. Es strahlte schlichtweg Gemütlichkeit aus.

„Hast du schon gefrühstückt?“, fragte Onkel Jeff, nachdem er ihren Koffer auf der großen Holztruhe am Fußende des Bettes deponiert hatte.

„Ich hab morgens nicht so viel Hunger“, winkte Josie ab. „Die Reise war ziemlich anstrengend, ich würde mich erst mal noch eine Runde aufs Ohr hauen.“

„Das kannst du nach dem Frühstück immer noch“, war die schlichte Erwiderung ihres Gegenübers, dann wieder sein charakteristisches Lächeln, ehe er in Richtung Tür lief. Sie war eher irritiert als verärgert davon, wie er sich benahm. Was interessierte ihn denn bitte, ob sie jetzt frühstückte oder nicht? Dennoch folgte sie ihm ohne große Widerrede. Nicht zuletzt weil es nicht wirkte, als hätte sie überhaupt eine Wahl.

Eine Weile später saßen sie bei Pancakes mit Ei und Speck am Frühstückstisch, die so erstaunlich lecker waren, dass sie Josies Appetit doch wieder geweckt hatten.

„Das ist richtig gut“, erklärte Josie mit vollen Backen und Onkel Jeff lächelte ihr amüsiert entgegen. Sie wurde verlegen und sah eher unter sich als ihn an. Er war so alt wie ihr Vater, etwas jünger vielleicht. Vor ihrem Wiedersehen hatte sie sich in ihrem Kopf ein Bild von einem betagten, ergrauten Mann gemacht, aber mit nicht wenig Entsetzen musste sie feststellen, dass sie ihn ziemlich attraktiv fand. Sein Haar und sein Bart waren zwar von einigen grauen Strähnen durchzogen, aber das gab ihm eher das gewisse Etwas. Er hatte dunkle, freundliche Augen, die etwas Interessantes ausstrahlten und war groß mit kräftigen Schultern und einer festen Figur. Zu hübsch jedenfalls um einem rothaarigen Pummel wie sie ein zweites Mal anzusehen.

Verdammt, was dachte sie da überhaupt?! Sie war die Tochter seines Freundes, er hatte als Kind auf sie aufgepasst, undenkbar dass er sie überhaupt mit irgendwelchen anderen Augen als diesen betrachten würde. Und selbst wenn doch, wo sollte das hin führen? Sie war alles andere als der Typ für Affären oder einmalige Geschichten und eine Beziehung mit ihm war unter den gegebenen Umständen nicht einmal in Erwägung zu ziehen. Sie schüttelte über sich selbst den Kopf und befahl sich, sofort dieses innere Kribbeln abzustellen.

„Was ist los?“, fragte Onkel Jeff – sollte sie ihn in ihrem Kopf nicht langsam lieber einfach Jeff nennen?- als sie ihr Gegrübel wohl nicht sonderlich gut nach außen hin verbarg.

„Gar nichts“, erwiderte sie patziger als gewollt. Sein Blick wirkte nicht zufrieden.

„Na gut. Josie, da gibt es ein zwei Dinge, die wir zu besprechen haben, bevor dein Aufenthalt hier richtig los geht. Es gibt Regeln in meinem Haus und die solltest du kennen, damit wir auch keine Probleme bekommen, hm?“

„Okay?“, erwiderte sie nicht ohne eine Art Abwehr in der Stimme. Was war das denn? Er bot ihr an hier zu wohnen und dann kam er ihr auf einmal so. Und was sollte das heißen, Probleme bekommen? Wollte er sie gleich wieder vor die Tür setzen wenn sie sich nicht so verhielt wie ihm das in den Kram passte? Sehr sympathisch wirkte das nicht, wie sie fand.

„Also gut. Ich erwarte, dass du mir im Haushalt hilfst. Ich koche für uns, aber den Abwasch erledigst du.“ Sie spürte, wie der Widerwille in ihr gerade ein ganzes Stück anstieg, sagte aber erst einmal nichts, vielleicht nicht zuletzt weil sie ob seiner Verbindlichkeit doch etwas perplex war.

„Außerdem halte ich nicht viel von Fernseher und Computer. Du bist ja hier bei mir und ich freue mich wirklich sehr dich wiederzusehen. Lass uns die Abende zusammen verbringen. Eine Stunde fernsehen oder an deinem Laptop ist in Ordnung“ Sie starrte ihn einfach nur an. Das war wahrscheinlich ein Scherz, oder? Das musste einer sein. Auf fernsehen stand sie eigentlich überhaupt nicht, aber an ihrem Laptop verbrachte sie so etwa ihre gesamte Freizeit und das hatte sie auch hier vorgehabt. Aber wie sollte sie ihm das jetzt schonend beibringen? Und noch dazu, wieder hatte sie das Gefühl, dass das gerade nicht mal eine Art Vorschlag war, sondern für ihn schon eine Tatsache.

„Noch etwas“, unterbrach er ihren Gedankengang. „Ich habe kein Wlan“

„Kein Wlan?!“, erwiderte sie in einem Tonfall als hätte er ihr gerade eröffnet dass sie zum Pinkeln in den Garten gehen musste. „Oh Onkel Jeff, hör mal…. ich fürchte das… das wird schwierig für mich“, begann sie zu drucksen. „Weißt du, ich muss beruflich auch wirklich viel an den Computer und ich glaube nicht dass das kompatibel mit meiner Arbeit ist wenn ich…“

„Oh keine Sorge“, erwiderte er freundlich „Wenn du ans Internet musst, kannst du dich in meinem Arbeitszimmer an den Router setzen.“ Sie stöhnte innerlich. Also jedes Mal nachfragen? Wie kam sie aus der Nummer denn jetzt bitte wieder raus?

„Und was du vielleicht von früher noch weißt, Umgangsformen sind mir sehr wichtig. Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und Respekt sind das Mindeste was ich von dir verlange. Ich denke aber doch, dass wir das hinbekommen, hm?“ Sein Lächeln war einnehmend und ihre Knie wurden weich. Bei einer Ansprache wie dieser und so vielen Dingen, die ihr eigentlich gar nicht passten, hätte sie im Grunde aufstehen und gehen müssen. Aber erstens war sie wie bereits erwähnt pleite und daher ohnehin alternativlos und zweitens schaffte sie es gerade nicht, sich so unwohl zu fühlen, wie sie eigentlich von sich selbst erwartet hätte.

„Ja… na klar, Onkel Jeff“ Dieser lächelte. „Und bitte nenn mich weiter Onkel Jeff“, legte er seine Hand auf ihre „Das finde ich wirklich entzückend.“ Sie biss sich auf die Unterlippe und machte fast tonlos „Mhm“. Sie spürte, wie ihre Wangen glühten. Was war das nur? Irgendetwas in ihr sagte ihr, dass das eine aufregende Zeit werden würde.

Nur wenig später zeigte er ihr, wo sie in der Küche alles zum Geschirrspülen fand und sie machte sich widerwillig an die Arbeit. Nicht mal eine Spülmaschine besaß er. Außerdem machte er wirklich keine Anstalten, ihr zu helfen, sondern verabschiedete sich nur mit einem „Wenn du fertig bist, ich bin im Wohnzimmer“. Verärgert tunkte sie die Teller ins Seifenwasser und säuberte sie nur halbherzig, ehe sie sie ins Trockengestell neben der Spüle bugsierte. Die Pfanne auf dem Herd sah sie wohl, tat aber als hätte sie sie nicht bemerkt. Etwas in ihr hoffte, dass er so schon zur Einsicht kommen und sie mit dieser Aufgabe in Ruhe lassen würde. Sie wischte sich die Hände an ihrem Rock ab und verließ die Küche.

„Ich geh dann hoch, Onkel Jeff“, rief sie in Richtung Wohnzimmer und obwohl er „Josie?“, rief, beeilte sie sich, die Treppe hoch zu hüpfen. Das Bett war herrlich bequem und sie ließ sich in voller Montur darauf fallen. Als sie die Augen schloss, ließen die Bilder von dem eben Geschehenen sie nicht los. Irgendwie wühlte sie all das mehr auf, als sie sich eingestehen wollte. Der attraktive Onkel, die merkwürdigen Regeln, ihr erster, eigentlich kindischer Versuch, sich diesen zu widersetzen. Es war nicht nur fehlende Lust, die sie das hatte tun lassen, es war gerade die strenge Art von Onkel Jeff die sie neugierig machte. Ließ er sich reizen? Und wenn ja, wie weit?

Die Antwort bekam sie schon nach einigen Minuten, als sie hörte, wie er ihren Namen rief. Sie ließ sich Zeit, zu reagieren. „Josie!“, hörte sie ihn wieder rufen. Zögerlich erhob sie sich und lief zur Zimmertür, öffnete diese ein Stück. „Ja?“, rief sie in den Flur. „Komm mal bitte runter“ Das bitte hätte er sich auch sparen können, denn das klang viel eher nach einem Befehl.

Betont langsam schlurfte sie den Flur entlang und den Treppenabsatz herunter. Ihr Herz hämmerte im krassen Gegensatz dazu heftig gegen ihren Brustkorb. Onkel Jeff stand am Treppenende und musterte sie. „Spülst du daheim dein Geschirr auch so?“

„Daheim erledigt das meine Spülmaschine. Ist ja nicht meine Schuld, dass du noch im Mittelalter lebst“, erwiderte sie schnippisch. So war sie sonst gar nicht. Was tat sie hier eigentlich? Sie wunderte sich ziemlich über ihr eigenes Verhalten.

„Es ist jedenfalls nicht sauber“, erwiderte Onkel Jeff mit erhobener Braue. „Und die Pfanne ist auch nicht gespült. Ab in die Küche und dann holst du das nach. Und diese blöden Sprüche sparst du dir in Zukunft auch, haben wir uns verstanden?“

Sie stand ihm jetzt direkt gegenüber und er sah bereits einigermaßen verärgert aus. Aber irgendetwas in ihr konnte es nicht lassen.

„Dann mach es eben selbst. Das ist mir gerade echt zu blöd“, wandte sie sich ab als wollte er die Treppe wieder hoch, doch er hielt sie am Handgelenk fest.

„Ich hätte nicht gedacht, dass wir schon nach dem Frühstück an diesen Punkt kommen, Josie. Aber es wird wohl Zeit zu erwähnen, was mit dir passiert, wenn du meine Regeln brichst“

Ihr Herz raste jetzt wie irre und das Kribbeln in ihrem Bauch war beinahe schmerzhaft. Da war eine winzige Ahnung in ihr, eine Erinnerung von früher, die sie bis eben gerade beiseite geschoben habe.

„Weißt du noch“, fragte er mit samtiger Stimme und diese Vertraulichkeit, mit der er das sagte, machte sie ganz kribbelig „was ich damals mit dir angestellt habe, als du die Vase zerbrochen und mich angelogen hast?“

Sie sah es gerade genau vor Augen. Seinen verärgerten Blick, wie er sie einfach am Röckchen gepackt und über sein Knie gelegt hatte. Und schon damals mit 10 Jahren hatte sie sich viel zu alt für ihren ersten und bis dato letzten Hintern voll gefühlt gehabt. Es waren nur 5 Klapse gewesen, 5, das wusste sie jetzt wieder ganz genau, aber der Effekt war riesig gewesen. Es hatte sie aufgewühlt, empört und… es war schon damals irgendwie aufregend gewesen. Er war die erste Respektsperson gewesen, der sie in ihre Schranken gewiesen hatte- und dann auch noch so.

Fortsetzung folgt…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s